Wissenstransfer: Wie Spin-offs die Wirtschaft stärken
Die innovativsten Ideen und Erkenntnisse nützen nichts, wenn sie in der Schublade versauern – sprich: nicht in die Anwendung kommen. Daher steht der Schnittpunkt zwischen Grundlagenforschung und Wirtschaft immer mehr im Fokus. An ihm sind Spin-offs angesiedelt, akademische Ausgründungen, die in der Regel von den Forschenden selbst gegründet werden. Im Idealfall schließen sie die Lücke zwischen akademischer Forschung und industrieller Anwendung.
Wissenstransfer ist für die Ökonomie unerlässlich, da er das Unternehmertum eines Landes stärken kann. Somit hat die Europäische Union klar das Ziel formuliert, dass sich Mitgliedsstaaten mehr auf „Knowledge Valorisation“ fokussieren sollen, sodass der Wissens- und Technologietransfer angekurbelt wird.
Role Models
Analysen zeigen, dass Spin-offs eine hohe F&E-Quote aufweisen, die im Mittel bei 15,24 Prozent liegt. Mikroökonomischen Schätzungen zufolge wachsen sie schneller als Start-ups. Die Nähe zur akademischen Forschung und anderen Spin-offs sorgen zudem für anhaltende Innovationskraft sowie Spillover-Effekte. All das trägt mittel- bis langfristig zu einer produktiveren Wirtschaft bei.
Österreichs Spin-offs müssen sich nicht verstecken. Besonders erfolgreich ist ParityQC, das von den Gründern als „das einzige Quantenarchitektur-Unternehmen der Welt“ bezeichnet wird. Es entstand vor vier Jahren als Spin-off von Universität Innsbruck und Österreichischer Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Das Unternehmen lizensiert Baupläne für Quantentechnologie gemeinsam mit dem Betriebssystem ParityOS. Mit Erfolg: 2022 gewann ParityQC mit einem Konsortium zwei der größten Aufträge im Bereich des Quantencomputing, vergeben durch das Deutsche Luft- und Raumfahrtzentrum.
Wie innovativ heimische Spin-offs sind, zeigt ProtectLiB, eine Ausgründung der Universität Graz, das heuer den Gründungspreis PHÖNIX in seiner Kategorie gewonnen hat. Das Unternehmen hat ein dezentrales Verfahren zum Recycling von Lithium-Ionen-Batterien entwickelt, das kaputte und geladene Batterien behandeln kann. Eine spezielle Zerkleinerung und Nachbehandlung sorgt dafür, dass von ihnen keine Brandgefahr mehr ausgeht, weshalb sie gefahrlos gelagert und transportiert werden können. Eine Behandlung mit „Green Chemistry Methoden“ ermöglicht, rund 90 % des Lithiums und andere wertvolle Materialien wie Nickel, Kobalt und Mangan zurückzugewinnen. Somit ist ein wichtiger Schritt in Richtung Kreislaufwirtschaft für Lithium-Ionen-Batterien getan.
Noch Aufholbedarf
Trotz aller Erfolge darf man sich nicht auf den Lorbeeren ausruhen. Zwar machen akademische Spin-offs laut dem Austrian Startup Monitor (ASM) inzwischen rund ein Viertel aller Neugründungen in Österreich aus, betrachtet man aber den heimischen Forschungsoutput, könnte die Quote höher sein.
Gemessen an der Wirtschaftsleistung bringt etwa Deutschland viermal so viele Spin-offs pro Jahr hervor. Von den europäischen Ländern hat die Schweiz die Nase weit vorne: Dort wurden bereits in den 1990er-Jahren unterschiedliche Instrumente und Programme entwickelt, die das Bewusstsein der Forschenden dafür gestärkt haben, welchen sozioökonomischen Wert ihre wissenschaftlichen Erkenntnisse haben können.
Das trägt Früchte: Alleine die ETH Zürich bringt im Jahr zwischen 20 und 25 Spin-offs hervor. Im Vergleich: In ganz Österreich sind es jährlich um die 90 Ausgründungen. An der Spitze liegen aktuell die TU Wien, die BOKU University sowie die TU Graz. Aus den Fachhochschulen entstehen besonders viele Ausbildungs-Spin-offs – also Ausgründungen während der Ausbildung. Wie das Monitoring des ASM zeigen, hat sich in diesem Bereich die Anzahl der Ausgründungen zwischen 2021 und 2023 mehr als verdoppelt.
Nachgefragt
In Österreich wird die Kooperation von Wirtschaft und Wissenschaft seit Langem forciert. Dazu tragen nicht nur gezielte Forschungsförderungsprogramme bei, sondern auch hochschulspezifische Impulsprogramme sowie Wissenstransferzentren. Das österreichweite Förderprogramm Spin-off-Fellowship etwa richtet sich ausschließlich an akademische Ausgründungen und hat zwischen 2017 und 2021 insgesamt 15 Millionen Euro zur Verfügung gestellt und 24 Projekte unterstützt.
Ein Grund, warum Forschende dieses Angebot nicht in Anspruch nehmen, sind starre Strukturen. Das zeigte sich bei Interviews, die von der WPZ Research GmbH im Zuge des Berichts „Evaluierung des Programms Spin-off-Fellowships“ gemacht wurden. Laut den Befragten gibt es an den Universitäten und Fachhochschulen keine Möglichkeit, sich für eine Unternehmensgründung zwei Jahre mit der Möglichkeit auf Rückkehr beurlauben zu lassen.
Auch würde Forschenden durch Ausgründungen eine Lücke im Curriculum entstehen, könnten sie in dieser Zeitspanne doch nicht wissenschaftlich tätig sein, veröffentlichen oder Förderungen beantragen. Einer der Befragten brachte es so auf den Punkt: „Das Problem sind konträre Zielvorstellungen, was es bedeutet, in der akademischen Welt erfolgreich zu sein, und was es bedeutet, in der Wirtschaft erfolgreich zu sein.“
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