Wie Oberösterreich Europas Sicherheit mitprägt
Von Sandra Wobrazek
Geopolitische Spannungen, neue Bedrohungsszenarien und steigende Verteidigungsbudgets rücken ein Thema verstärkt in den Fokus: die industrielle Basis für Sicherheit und Verteidigung in Europa. Oberösterreich spielt dabei eine zentrale Rolle. Als einer der stärksten Industriestandorte des Landes vereint das Bundesland eine Vielzahl an Unternehmen, deren Technologien sowohl zivil als auch militärisch eingesetzt werden können. Damit wird die Branche nicht nur zu einem strategischen Faktor für Europas Handlungsfähigkeit, sondern auch zu einem wichtigen Motor für Innovation, Beschäftigung und Wertschöpfung im Land.
Breite Technologiepalette
Oberösterreich verfügt als starker Industriestandort über eine breite Palette an Technologien, die auch im Bereich Sicherheit und Verteidigung zum Einsatz kommen können, sagt Joachim Haindl-Grutsch, Geschäftsführer Industriellenvereinigung Oberösterreich: „Dual-Use-Technologien, also Anwendungen mit sowohl zivilem als auch militärischem Nutzen, sind in vielen Bereichen unverzichtbar. Das betrifft etwa Betriebe aus dem Maschinen- und Fahrzeugbau, der Metallverarbeitung oder der Elektronik- und IT-Industrie.“
In einer zunehmend unsicheren geopolitischen Lage gewinnt nun die Fähigkeit Europas, sicherheitsrelevante Technologien eigenständig zu entwickeln und zu produzieren, stark an strategischer Bedeutung, so der IV OÖ-Geschäftsführer: „In Zeiten, die von Rezession und Stagnation geprägt sind, sind Investitionen in Sicherheit und Verteidigung auch ein wesentlicher Beitrag zur Sicherung von Wertschöpfung und Arbeitsplätzen im Land.“
Die Branche steht für hoch spezialisierte industrielle Kompetenz, hohe Innovationskraft und qualifizierte Arbeitsplätze. In einer zunehmend unsicheren geopolitischen Lage gewinnt die Fähigkeit Europas, sicherheitsrelevante Technologien eigenständig zu entwickeln und zu produzieren, an strategischer Bedeutung.“
Bestens geschützt
Schutzhelme für Polizei- und Spezialeinheiten weltweit werden zum Beispiel bei Ulbrichts in Schwanenstadt produziert. „Zusammen mit unserer europäischen Lieferkette können wir eine optimale Versorgungssicherheit für Helme für das österreichische Bundesheer und Polizei sowie für unsere internationalen Kunden sicherstellen. Wir machen inzwischen rund 40 Prozent unseres Umsatzes in diesem Bereich und die Auftragserwartung ist sehr stark gewachsen“, berichtet Eigentümer und CEO Georg Scharpenack.
Das Unternehmen setzt ausschließlich auf oberösterreichische Wertschöpfung, für die man entsprechende Fachkräfte benötigt – vom Lehrling bis hin zur Führungskraft. Dabei unterliegen die ballistischen Helme den österreichischen Exportrichtlinien für Militärgüter. „Dies bietet“, betont Scharpenack, „eine internationale Rahmenbedingung für den Export, welcher durch aktuelle Bestrebungen hinsichtlich Durchlaufzeiten und elektronischer Antragsstellung bereits massive Verbesserungen darstellt.“ Der Unternehmer wünscht sich noch mehr Unterstützung seitens seines Heimatlandes: „,Buy Austrian‘ spielt bislang keine nennenswerte Rolle. Doch dies ändert sich möglicherweise gerade.“
Zahlreiche Unternehmen wie Kranhersteller Palfinger liefern innovative Produkte.
Sonderkonstruktionen
Bereits seit den 1970er-Jahren ist etwa bei dem oberösterreichischen Kranhersteller Palfinger aus Lengau Verteidigung ein fester Bestandteil des Portfolios – in Form von Ladekränen oder Sonderkonstruktionen. Die Bedeutung nimmt aufgrund der geopolitischen Lage zu – und man baue dieses stark wachsende Geschäftsfeld in den kommenden Jahren nachhaltig und langfristig aus, berichtet Gerhard Sturm, SVP Global Sales & Services: „Allerdings gibt es für den speziellen Einsatz höhere Anforderungen im technischen, klimatischen und ergonomischen Bereich. Ein Beispiel nur: Einige unserer Marinekräne sind sogar auf Temperaturen bis zu Minus 50 Grad Celsius ausgelegt. Im Defense-Sektor sind auch Speziallackierungen von großer Bedeutung, die die Geräte besonders widerstandsfähig machen und gleichzeitig die Wärmesignatur auf ein Minimum reduzieren.“
Bei Forschung und Entwicklung spielen länderübergreifende Kooperationen eine relevante Rolle: Ein großer Teil der Forschung und Entwicklung findet in Köstendorf (Salzburg) statt. Gleichzeitig nutzt Palfinger die Möglichkeiten seiner Standorte in Frankreich, Slowenien und Polen. „Denn eines ist klar: In sicherheitsrelevanten Technologiefeldern sind nur jene erfolgreich, die über die Grenzen hinweg in Partnerschaften gut und vertrauenswürdig zusammenarbeiten“, ist Sturm überzeugt.
Palfinger bietet unter anderem spezielle Hebetechnik für militärische Anwendungen an.
Exzellentes Know-how
Oberösterreichs Wirtschaftslandesrat Markus Achleitner verweist auf die Pläne der EU, im Rahmen des Programms „Readiness 2030” bis zu 800 Mrd. Euro zu investieren, um Europas sicherheitsrelevante Infrastrukturen bis 2030 umfassend zu stärken. Für Oberösterreichs Wirtschaft, so Achleitner, ist das eine „historische“ Chance: „Heimische Unternehmen verfügen über exzellentes Know-how in Schlüsselbereichen wie Automotive, Anlagen- und Maschinenbau, Cybersecurity, Kommunikation sowie Werkstofftechnik.“
Mit der Förderausschreibung „Security Technologies & Solutions“ hat Oberösterreich gezielt Impulse für Forschung und Entwicklung gesetzt. Das Budget von vier Mio. Euro richtet sich an kooperative Projekte zwischen Unternehmen und Forschungseinrichtungen. „Das Interesse war beeindruckend: Insgesamt sind 32 Projekte mit Gesamtkosten von 22,5 Mio. Euro eingereicht worden, für die eine Förderung von 16,8 Mio. Euro beantragt wurde“, so der Wirtschaftslandesrat. Inhaltlich decken die Einreichungen ein breites Spektrum ab: „Von Telemedizin und medizinischer IT-Sicherheit über Kommunikations- und Satellitentechnologien, Pandemie- und Katastrophenvorsorge, automatisierte Mobilität, Materialien und Leichtbau, Sensorik und Datenverarbeitung bis zu intelligenten Systemen und Automatisierung.“
Ulbrichts stattet Spezialeinheiten mit hochwirksamen ballistischen Schutzhelmen aus.
Strategische Verankerung
Verteidigung muss Teil einer aktiven Standortstrategie sein – andernfalls drohen wichtige Investitionen und Schlüsseltechnologien an Österreich vorbeizugehen, ist Joachim Haindl-Grutsch überzeugt. Daher brauche es einen parteiübergreifenden Konsens über die Rolle von Verteidigung, eine strategische Verankerung sicherheitsrelevanter Industrie in der Standort- und Innovationspolitik sowie verlässliche Rahmenbedingungen über Legislaturperioden hinweg. „Industrielle Kooperationen im Verteidigungs- und Sicherheitsbereich bieten ein erhebliches Potenzial zur Stärkung der Wertschöpfung, Technologieentwicklung und Beschäftigung“, sagt Haindl-Grutsch.
In Schwanenstadt wiederum ergänzt seit 2005 die Rheinmetall Waffe Munition Arges, ein Unternehmen der Rheinmetall Gruppe, das Produktportfolio mit sogenannten „Wirkmitteln“ für Infanteristen. Hinzu kommen 40-mm-Low-Velocity-Munition mit unterschiedlichen Effekten. Bei Genehmigungsverfahren, wie z. B. für Betriebserweiterungen, Ein- und Ausfuhrgenehmigungen, spürt man deutliche Erleichterungen, heißt es aus dem Unternehmen. Dazu tragen in erster Linie die europäischen Initiativen zur Rückkehr zur Wehrhaftigkeit in Europa bei, die eine erleichterte und schnellere Zusammenarbeit der EU-Länder zum Ziel haben, heißt es: „Aber auch die Initiative der oberösterreichischen Landesregierung in Form der ,Sicherheitsallianz OÖ‘, die das Ziel der Vernetzung von Firmen für das Defence-Geschäft hat, gibt uns wertvolle Unterstützung.“
Relevante Forschung
Ebenfalls wichtiger Arbeitgeber und Technologietreiber Industriestandortes Oberösterreich ist Steyr Arms. Für den Export für Produkte, die Polizei- und Militärbehörden benötigen, braucht sein Unternehmen Zustimmung von Außen-, Innen- und Verteidigungsministerium, sagt CEO Milan Slapak. Sein Wunsch? Ein einziger Ansprechpartner, wie das in den meisten EU-Staaten praktiziert wird. Und weiter: „Sehr wichtig für Steyr Arms ist der Zugang zu Fachkräften aus den Bereichen Maschinenbau, Werkstoffprüfung, Softwareentwicklung und moderner Fertigung. Hier wäre eine engere Verzahnung von öffentlichen Forschungseinrichtungen und Industrie nötig.“
Die neue europäische Sicherheitspolitik ist ein Wirtschaftsfaktor, der Unternehmen, Arbeitsplätze und die Technologieentwicklung in Oberösterreich stärkt, ist auch Wirtschaftslandesrat Markus Achleitner überzeugt. Das Ziel: „Ein noch größerer Innovationsvorsprung für die heimische Wirtschaft und eine starke Positionierung unseres Landes als attraktiver Standort für Sicherheitslösungen.“
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