Innovationen und Fachkräfte als Basis der Versorgungssicherheit
Von Sandra Wobrazek
Die Versorgung mit Medikamenten ist zu einem entscheidenden Faktor geworden – gesundheitspolitisch, ebenso wie wirtschaftlich. Denn die pharmazeutische Industrie mit rund 18.000 Mitarbeitenden und 150 Unternehmen sorgt für Investitionen in Millionenhöhe in Forschung und Entwicklung und hat einen Anteil von 2,8 Prozent am Bruttoinlandsprodukt (BIP). Umso wichtiger ist es, Produktion, Logistik und Forschung zu stärken, um Abhängigkeiten zu reduzieren.
Globaler Wettbewerb
Österreich und Europa verlieren als Forschungs- und Produktionsstandort im globalen Wettbewerb an Bedeutung, sagt Alexander Herzog, Generalsekretär der Pharmig, des Verbandes der pharmazeutischen Industrie. 60 bis 80 Prozent der Wirkstoffe für Generika kommen bereits aus Asien bzw. Indien. „Bei der Entwicklung innovativer Medikamente“, so Herzog, „wurde Europa von China überflügelt, das nach den USA an zweiter Stelle liegt. Auch Österreich verliert bei klinischer Forschung zunehmend an Bedeutung. Damit steigt unsere Abhängigkeit bei der Erforschung und der Produktion von Medikamenten.“
Die vergangenen Jahre haben gezeigt, wie anfällig internationale Lieferketten sind.“
Monika Köppl-Turyna, Direktorin des Wirtschaftsforschungsinstituts EcoAustria, hebt die Innovationskraft der Branche hervor: Ihr Anteil an den gesamten Unternehmens-Forschungs- und Entwicklungsausgaben in Österreich liegt deutlich über ihrem Wertschöpfungsanteil. „Ein starkes Signal für künftiges Wachstumspotenzial. Pharmaexporte machen rund zehn Prozent aller österreichischen Warenexporte aus, was die außenwirtschaftliche Relevanz unterstreicht.“ Europa und Österreich müssen strategische Resilienz aufbauen, ohne in Protektionismus zu verfallen, fordert Köppl-Turyna: „Das bedeutet gezielte Stärkung heimischer Produktions- und Wirkstoffkapazitäten, ohne den Freihandel grundsätzlich infrage zu stellen. Auch der Draghi-Report (Anm. ein Strategie- und Wirtschaftsbericht) identifiziert Life Sciences als eine der wenigen verbliebenen wirtschaftlichen Stärken Europas, die es konsequent zu fördern gilt.“
Die Pharmaindustrie zählt zu den wirtschaftlich bedeutendsten Branchen Österreichs.“
Biotechnologie im Fokus
Für die Versorgungssicherheit mit Medikamenten spielt auch die moderne Biotechnologie eine zentrale Rolle. Know-how im Bereich Bioprocess Engineering, der Entwicklung und Steuerung biotechnologischer Produktionsprozesse, ist die Grundlage für die industrielle Herstellung von Biopharmazeutika, sagt Michael Maurer, Studiengangsleiter Bioengineering, Bioprocess Engineering, Biotechnologisches Qualitätsmanagement, Hochschule Campus Wien. Er verweist auf Medikamente wie Insulin, therapeutische Antikörper gegen Krebs oder Autoimmunerkrankungen wie Rheuma, aber auch Antibiotika. „In Krisenzeiten zeigt sich, wie verletzlich globale Lieferketten sind. Deshalb ist der Ausbau von Produktionskapazitäten in Europa entscheidend. Wer die Technologie beherrscht, sichert nicht nur Qualität, sondern auch Unabhängigkeit.“
Praxisorientierung
Fachkräfte spielen dabei eine relevante Rolle. Österreich steht auf einer soliden Basis, etwa durch praxisorientierte Ausbildung. Entscheidend ist, gibt Michael Maurer zu bedenken, diese Stärke nicht zu gefährden und FH-Budgetkürzungen zur Diskussion zu stellen, denn die FHs sichern genau jene praxisnahe Qualifikation, welche die Industrie dringend benötigt. „Es braucht gezielte Investitionen in angewandte Forschung. Nur so entstehen Innovationen, die Europa wettbewerbsfähig halten. Ausbildung und Forschung müssen Hand in Hand gehen, das ist der Schlüssel für einen starken Standort“, so der Forscher.
Preise und Lieferketten
Um die Pharmaproduktion resilienter zu machen, braucht es ein abgestimmtes Gesamtkonzept, ist Alexander Herzog überzeugt. Ein entscheidender Faktor ist die wirtschaftliche Tragfähigkeit, denn die Produktion in Europa ist kostenintensiver als in anderen Weltregionen. „Ändern wir nichts am Preis der Produkte, wird sich der Trend zur Abwanderung nicht umkehren. Ein zweiter zentraler Hebel ist die Diversifizierung der Lieferketten. Das heißt konkret, Wirkstoffe und Vorprodukte nicht nur aus einer Region oder von wenigen Anbietern zu beziehen, sondern mehrere Bezugsquellen aufzubauen“, betont Herzog.
Als dringend notwendig erachtet die Pharmig eine Lifesciences-Strategie, die Forschung, Produktion und Marktzugang systematisch miteinander verbindet. Dazu zählen, so ihr Generalsekretär, klare politische Zuständigkeiten, planbare und digitalisierte Verfahren sowie eine Preispolitik, die die Versorgungssicherheit berücksichtigt. „Es ist höchst an der Zeit, dass es ein Umdenken gibt, und zwar dahingehend, dass Medikamente, ob bewährt oder innovativ, Investitionen in unsere Gesundheit, in unsere Zukunft und eben auch in unsere Sicherheit sind. Wird immerzu nur auf den Kostenfaktor geschielt, wird uns das als Standort und in der Versorgung nur Nachteile bringen“, sagt Herzog.
Österreichs Pharmaunternehmen sind Innovationstreiber – aber auch wichtige Arbeitgeber.
Innovationen forcieren
Michael Maurer verweist auf die Bedeutung von Innovationen wie digitale Zwillinge, die es ermöglichen, Produktionsprozesse virtuell zu simulieren und zu optimieren, was Ressourcen spart und die Effizienz erhöht. Auch im Qualitätsmanagement gibt es große Fortschritte, berichtet Maurer: „Moderne Systeme zur kontinuierlichen Prozessüberwachung erlauben es, Produktionsparameter in Echtzeit zu analysieren und frühzeitig einzugreifen.“ Das macht Prozesse stabiler, reduziert Ausfälle und stärkt die internationale Wettbewerbsfähigkeit: „Kurz gesagt: Innovation ist kein Zusatz, sondern Voraussetzung für resiliente Produktion in Europa.“
Innovationen sollen helfen, die Abhängigkeit von globalen Lieferketten zu reduzieren.
Damit Österreich als Pharmastandort attraktiv bleibt, braucht es drei grundlegende Dinge, betont Monika Köppl-Turyna: erstens steuerliche Rahmenbedingungen, insbesondere bei der F&E-Förderung, zweitens verlässliche und effiziente Genehmigungsverfahren und drittens Investitionen in Humankapital und Infrastruktur: „EcoAustria betont regelmäßig, dass Standortqualität keine Selbstverständlichkeit ist – sie muss aktiv gestaltet werden, gerade in einem internationalen Umfeld, in dem der Wettbewerb um innovative Unternehmen zunimmt.“ Damit zeigt sich, dass die Standortsicherheit in der Pharmabranche von vielen unterschiedlichen Faktoren abhängt – von stabilen Lieferketten, wettbewerbsfähigen Rahmenbedingungen, aber auch von Innovation und Ausbildung.
Österreich bringt dafür wichtige Voraussetzungen mit, steht jedoch im globalen Wettbewerb unter wachsendem Druck. Entscheidend wird sein, wie konsequent diese Stärken künftig weiterentwickelt werden.
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