Katastrophenhilfe: Wie Freiwillige das System Österreich stützen

Sie sichern die Kommunikation, suchen Verschüttete, halten Infrastruktur aufrecht oder leisten Hilfe dort, wo staatliche Strukturen an ihre Grenzen stoßen. Ein Engagement, das kein Randphänomen, sondern ein zentraler Pfeiler der Daseinsvorsorge ist.
46-223641140

Von Sandra Wobrazek 

Wenn Naturkatastrophen ganze Regionen lahmlegen, Stromnetze ausfallen oder Menschen vermisst werden, zeigt sich, wie tragfähig ein System wirklich ist. In Österreich wird es vor allem von Freiwilligen getragen: Tausende Männer und Frauen stehen bereit, oft unbemerkt im Hintergrund, aber im Ernstfall unverzichtbar. 

Jeder Zweite hilft

Wie stark dieser Pfeiler ist, zeigt sich auch in Zahlen: Die Ergebnisse einer Erhebung der Statistik Austria zur Freiwilligentätigkeit aus dem Jahr 2025 zeigen, dass knapp die Hälfte (49,4 %) der Bevölkerung ab 15 Jahren in Österreich Freiwilligentätigkeit leistet, das sind rund 3,73 Mio. Menschen. Die Bandbreite umfasst Tätigkeiten im Rahmen eines Vereins ebenso wie bei einer Organisation oder der Nachbarschaftshilfe. Insgesamt, so die Erhebung, leistet die österreichische Wohnbevölkerung pro Woche rund 22 Mio. Stunden an freiwilligen Tätigkeiten, das bedeutet im Durchschnitt rund sechs Stunden pro Person und Woche.
Das wichtigste Motiv für Freiwilligkeit in Österreich ist, anderen helfen zu wollen. Dieses findet mit 93 Prozent die höchste Zustimmung. Weiters nimmt die Freude an der Tätigkeit mit 91,5 Prozent einen hohen Stellenwert bei freiwillig aktiven Personen ein, gefolgt vom Willen, etwas Nützliches zum Gemeinwohl beitragen zu wollen (85,5 %). Wenig bedeutend sind der Wunsch, einen Job zu finden (5,4 %) oder, dass die Tätigkeit berufliche Vorteile bringt (16,7 %).

Brände und Hochwasser

Besonders viele Menschen engagieren sich bei den rund 4.450 Freiwilligen Feuerwehren. Denn in Österreich gibt es nur sechs Berufsfeuerwehren – den Rest stellen jene 340.000 Florianijünger, die quer durch das Land ehrenamtlich tätig sind.
In Österreichs größtem Bundesland sind die Freiwilligen Feuerwehren das Rückgrat der Sicherheitsstruktur, sagt der niederösterreichische Landesfeuerwehrkommandant Dietmar Fahrafellner. Denn sie gewährleisten rund um die Uhr schnelle Hilfe bei Bränden, Unfällen, Naturereignissen und vielen weiteren Einsatzlagen – flächendeckend und in den Gemeinden verankert. „Aktuell engagieren sich in Niederösterreich rund 105.000 Mitglieder in den Freiwilligen Feuerwehren, die mit hoher Professionalität und großem persönlichen Einsatz für die Sicherheit der Bevölkerung sorgen“, sagt Fahrafellner.

46-223641333

Für die Freiwilligen Feuerwehren in Niederösterreich spielt die Jugendarbeit eine zentrale Rolle.

Wo der Teamgeist zählt

Dabei ist die Jugendarbeit von zentraler Bedeutung, sagt Dietmar Fahrafellner, da sie nicht nur den Nachwuchs sichert, „sondern jungen Menschen auch Werte wie Teamgeist, Verantwortung und Hilfsbereitschaft vermittelt. Wir setzen gezielt auf moderne Ausbildung, attraktive Übungen, Bewerbe sowie zeitgemäße Rahmenbedingungen, um Jugendliche frühzeitig für den Feuerwehrdienst zu begeistern und langfristig zu binden“. 

In Zukunft werden die Feuerwehren verstärkt mit Herausforderungen wie dem Klimawandel (z. B. Starkregen, Hochwasser, Waldbrände), zunehmender Technisierung, komplexeren Einsatzszenarien und demografischen Veränderungen konfrontiert sein, prognostiziert der Landesfeuerwehrkommandant. Um dafür bestens gerüstet zu sein, braucht es eine kontinuierliche Weiterentwicklung der Ausbildung, moderne und leistungsfähige Ausrüstung sowie eine verlässliche finanzielle Unterstützung durch das Land und die Gemeinden. „Ebenso entscheidend sind die gesellschaftliche Anerkennung und die Vereinbarkeit des Ehrenamts mit Beruf und Familie, um auch künftig ausreichend engagierte Mitglieder gewinnen und halten zu können.“

46-223623000

Die Mitglieder der Rettungshundebrigade setzen sich für Menschen in Not ein.

46.711 Einsätze in 2025

Im Nachbarbundesland Oberösterreich spielen die Feuerwehren für das Sicherheitsgefüge ebenso  eine wesentliche Rolle. Sie tragen tagtäglich zur Verhinderung oder zumindest zur Minderung von Schäden für die Menschen, Tiere, Sachen oder die Umwelt bei, sagt Pressesprecher Markus Voglhuber: „Dies sowohl in Brandfällen als auch in Katastrophen- oder Unglücksfällen von technischer Natur.“ Im Jahr  2025 zum Beispiel haben die Feuerwehrkräfte in Oberösterreich, die nahezu ausschließlich ehrenamtlich tätig sind, bei 46.711 Einsätzen rund 540.000 Einsatzstunden geleistet. Auch hier sichert die Jugendarbeit zu einem großen Maß den Nachwuchs: Die oö. Feuerwehren wenden pro Jahr rund eine Mio. Stunden für die Jugend- und Nachwuchsarbeit auf.
Das Feuerwehrwesen steht aktuell großen Herausforderungen gegenüber, berichtet Voglhuber. Die Teuerung etwa schlägt sich auf die Beschaffung von Einsatzfahrzeugen und -geräten sowie Gebäuden nieder. „Dem gegenüber“, so der Pressesprecher, „stehen immer komplexere Einsätze, ausgelöst u. a. durch den technologischen Fortschritt oder auch durch die Klimaveränderung. Also Katastropheneinsätze nach Unwetter, Stürmen oder Waldbränden in Folge von Trockenheit.“ 

Mensch-Hund-Team

Beim Einsatz in Krisen bzw. Krisengebieten kommen mitunter auch Vierbeiner zum Einsatz: Die vielen Mensch-Hunde-Teams der Österreichischen Rettungshundebrigade (ÖRHB) stehen 365 Tage im Jahr bereit, um die Suche nach vermissten Personen mit speziell dafür ausgebildeten Hunden zu unterstützen. Im Bundesgebiet werden rund 100 Sucheinsätze pro Jahr mit Beteiligung der ÖRHB-Rettungshundeteams verzeichnet. 
Mitunter stundenlanges Suchen erfordert sowohl von Mensch als auch Hund außergewöhnliche Fähigkeiten, Kondition und Zeit, sagt Pressesprecherin Bettina Casagrande. „Es sind die Momente des erlösenden Bellens eines Hundes oder des Funkspruchs ,Person gefunden‘, die motivieren, immer weiterzumachen, Hunde ehrenamtlich für die Hilfe an Menschen auszubilden, einen oft lebensrettenden Beitrag für die Gesellschaft zu leisten.“

Im Spezialeinsatz

Die Sucheinsätze können regional oder auch bundeslandübergreifend durch die zuständigen Behörden ausgelöst werden, erklärt Casagrande: „In Katastrophenfällen wird die ÖRHB genauso wie andere Einsatzorganisationen alarmiert, sofern der Einsatz von Suchhunden als notwendig erachtet wird.“ Die ÖRHB lebt vom ehrenamtlichen Engagement ihrer Mitglieder. Rund 800 Mitglieder sind es, die ihre Freizeit damit verbringen, ihre Hunde für die Personensuche auszubilden, wobei die Schulung zwei bis drei Jahre dauert. 

Mit zum Engagement gehören auch Spezialeinsätze: Die Austrian Forces Disaster Relief Unit (AFDRU) ist eine spezialisierte Einheit des Österreichischen Bundesheers, die die Katastrophenhilfe national und international unterstützt. „Hochqualifizierte Rettungshundeteams der ÖRHB sind Teil dieser Einheit – den AFDRU Rescue Dogs. Aufgabe dieser Teams ist der Ortungseinsatz bei Naturkatastrophen, vor allem die Suche nach Überlebenden in Trümmern oder schwer zugänglichen Gebieten“, so Casagrande.

46-223622998

Die Funker des ÖVSV unterstützen im Ernstfall Blaulichtorganisationen bei deren Arbeit.

Funken für die Retter

Sein 100-jähriges Bestehen feiert heuer der Österreichische Versuchssender Verband (ÖVSV) – und auch seine rund 4.700 Mitglieder können im Ernstfall eine relevante Rolle spielen. Denn: Die Funkamateure haben Wissen und technische Anlagen, die auch bei Ausfall von klassischer Infrastruktur weiterhin kommunizieren können. 
Die Gemeinschaft der Funkamateure ist geografisch in der Fläche verteilt, berichtet Arnold Hübsch, Landesleiter des Landesverbands Wien: „Damit stehen im gesamten Bundesgebiet verstreut Funkstellen zur Verfügung, die auf vielerlei unterschiedlichen Wegen kommunizieren können. Unser Selbstverständnis ist, wertvoll für die Gesellschaft zu sein. Wir sind keine Blaulicht-Organisation, können aber die Rettungskette starten, damit die Blaulichtorganisationen wissen, wo Hilfe benötigt wird.“
Die Funkamateure nutzen dabei klassische Kurzwellenfrequenzen. Auf den Frequenzen dürfen großteils nur lizenzierte Funkamateure kommunizieren. „Das wird über weltweit gültige Vereinbarungen koordiniert. Für dieses wertvolle Gut Funkfrequenzen sind die Funkamateure auch verpflichtet, bei Bedarf an Kommunikation Hilfe zu leisten. Das wird auch regelmäßig geübt“, so Hübsch.

Funktionierendes System

Ob bei Naturkatastrophen, großflächigen Stromausfällen oder anderen Krisenszenarien: Ohne das Engagement Tausender Freiwilliger wäre die Sicherheits- und Versorgungsstruktur in Österreich in dieser Form nicht aufrechtzuerhalten. Sie übernehmen Aufgaben, die weit über spontane Hilfe hinausgehen, und sind fester Bestandteil eines funktionierenden Systems. Gleichzeitig stehen viele Organisationen vor Herausforderungen – vom Nachwuchs bis zur Vereinbarkeit mit Beruf und Familie. Umso wichtiger ist es, die Rahmenbedingungen für freiwilliges Engagement zu sichern. Denn eines zeigt sich immer wieder: Im Ernstfall ist auf sie Verlass.

 

Kommentare