Forschungsstandort Österreich: Expert:innen für Transferstrategie

Wie steht es um den Wissenstransfer in Österreich? Universitätsrektor*innen zeigen den Standpunkt der Forschung auf.
Set of science speech bubbles

Wissenschaft produziert neues Wissen, das wiederum zu positiven wirtschaftlichen Effekten führen kann. Eva Schulev-Steindl, Rektorin der BOKU University, Jens Schneider, Rektor der TU Wien, Sebastian Schütze, Rektor der Universität Wien, Carsten Q. Schneider, Rektor der Central European University, Rupert Sausgruber, Rektor der WU Wien, Markus Müller, Rektor der MedUni Wien, sowie Heinz Faßmann, Präsident der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, erklären, welche Bedingungen es dafür benötigt.

KURIER: Forschung wird oft als Selbstläufer gesehen – wie sieht es tatsächlich aus?

Markus Müller: Forschung wird von leidenschaftlichen, begabten und oft sehr jungen Menschen betrieben, die die Grenzen der menschlichen Erkenntnis erweitern wollen. Wie Kunst ist auch Forschung eine Aktivität, die unter allen Bedingungen und Voraussetzungen stattfindet, aber unter gewissen Rahmenbedingungen besser gedeiht.

Jens Schneider: Forschung ist kein Selbstläufer, sondern ein Hochleistungssystem: Es braucht stabile Basisfinanzierung, moderne Infrastruktur, internationale Netzwerke – und vor allem Talente, die wir global umwerben müssen.

Carsten Q. Schneider: Forschung passiert nicht automatisch, nur weil es Universitäten gibt. Akademische Freiheit ist dabei zentral – und sie ist verletzlich. Wer glaubt, Exzellenz bleibe von selbst, wird sie verlieren.

Heinz Faßmann: Ja, aktuell ist Österreich ein forschungsstarkes Land. Wir bauen hier auf den Anstrengungen der letzten Jahre und Jahrzehnte auf, die nicht zuletzt mit zwei Nobelpreisen belohnt wurden. Allerdings müssen wir um die Ermöglichung dieser Erfolge immer kämpfen. Wir dürfen uns nicht ausruhen, denn wer stehen bleibt, wird überholt.

Warum ist es wichtig, die Forschung voranzutreiben?

Rupert Sausgruber: Forschung treibt Innovation und sichert Wohlstand. Gerade in unsicheren globalen Zeiten liefert sie Lösungen für wirtschaftliche, soziale und ökologische Herausforderungen. Für Österreich als wissensbasierte Volkswirtschaft ist sie die Grundlage für Wettbewerbsfähigkeit, gute Arbeitsplätze und gesellschaftlichen Fortschritt.

Sebastian Schütze: Die großen gesellschaftlichen Herausforderungen, von Klimawandel und digitaler Transformation bis zur Krise demokratischer Systeme, sind nur mit innovativer Forschung zu bewältigen. Daher richtet die Universität Wien ihre Schwerpunkte an den Grand Challenges aus. Sie vernetzt Geistes- und Sozialwissenschaften mit Lebens- und Naturwissenschaften und fördert Innovation durch fächerübergreifende Forschungsverbünde wie „Umwelt und Klima“, „Gesundheit in Gesellschaft“ oder, seit Jänner 2026 neu, „Demokratie und Menschenrechte“.

Carsten Q. Schneider: Forschung hilft Gesellschaften, Probleme zu verstehen und Lösungen zu entwickeln. Das gilt in ruhigen Zeiten, aber besonders in Krisen. Sie kann technische Antworten liefern, etwa bei Energie oder Rohstoffabhängigkeiten. Und sie kann erklären, warum Ungleichheit wächst oder Demokratien unter Druck geraten. Forschung stärkt damit unsere Resilienz.

Eva Schulev-Steindl: Nicht zuletzt tragen Universitäten dazu bei, junge Menschen auszubilden. Die BOKU bietet Studiengänge mit starkem Praxisbezug und hoher Attraktivität für den Arbeitsmarkt von heute und morgen an. Sie bildet die Pionier*innen aus, die nachhaltige Wirtschaftssysteme vorantreiben.

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„Im Wettbewerb um kluge Köpfe können wir uns komplizierte Einwanderungsprozesse nicht leisten. Solche Hürden sind ein Standortnachteil. Wirtschaft und Wissenschaft haben hier gemeinsame Interessen.“ - Carsten Q. Schneider, Rektor CEU

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„KI oder Robotik sind zukunftsträchtig. Ich dränge aber darauf, die Sozial- und Geisteswissenschaften nicht zu vergessen, denn eine Technologie muss in das gesellschaftlich-politische Umfeld eingebettet werden, um erfolgreich zu sein.“ -  Heinz Fassmann, Präsident ÖAW 

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„Der Wissenstransfer funktioniert  zunehmend besser. Initiativen, wie zuletzt die AI Factory Austria, an der sich auch die Universität Wien beteiligt, zeigen, welche neuen Möglichkeiten der Zusammenarbeit es gibt.“ Sebastian Schütze, Rektor Universität  Wien

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„Forschung benötigt oft Zeit, während  Unternehmen verständlicherweise rasche Ergebnisse erwarten. Erfolgreiche Zusammenarbeit entsteht dort, wo diese unterschiedlichen Zeithorizonte  realistisch abgestimmt werden.“ - Rupert Sausgruber, Rektor WU Wien

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„Forschung führt immer zum Nutzen für die Gesellschaft, entweder durch Erkenntnis der Natur oder durch anwendungsorientierte Wertschöpfung. Daher benötigt es eine langfristig stabile F&E-Finanzierung.“ -  Markus Müller, Rektor MedUni Wien

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„Forschung heute ist Lebensqualität von morgen und Innovationsmotor für ein resilientes Österreich. Doch sie ist kein Selbstläufer – 
sie braucht Zeit, verlässliche Finanzierung und klare Rahmenbedingungen.“ - Eva Schulev-Steindl, Rektorin BOKU University

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„Ich wünsche mir  mehr private F&E- Investitionen, mehr  Risikokapital und ein klares Bekenntnis, dass Talente willkommen sind. Dann wird Österreich vom ,guten Standort‘ zum sichtbaren Hightech-Standort.“ - Jens Schneider,  Rektor der TU Wien

Wie gut funktioniert der Wissenstransfer in Österreich?

Markus Müller: Österreich war jahrzehntelang bei der F&E-Quote mit einem Anteil von unter 2 Prozent des Bruttoinlandsproduktes unter den Schlusslichtern, hat aber in den letzten Jahren aufgeholt. Die Effekte dieses Aufholprozesses werden erst in einigen Jahren sichtbar werden. „Wer nicht sät, kann nicht ernten“.

Heinz Faßmann: Die imaginäre Mauer zwischen Grundlagenforschung und Anwendung war existent, sie wird durchlässiger und das ist gut so. Wir forschen ergebnisoffen, aber wenn uns etwas gelingt, soll es den Menschen auch zugutekommen. Wie kann das realisiert werden? Innerhalb der Forschungseinrichtungen sind die ersten Schritte des Transfers zu gehen. Das umfasst das Screenen von Forschungsergebnissen, die rechtliche Absicherung durch Patente und die Förderung von Spin-offs. Das klingt einfacher als es ist: Wir haben die Kultur der unternehmerischen Verwertung, des Verlassens des Elfenbeinturmes und der Akzeptanz eines möglichen Scheiterns noch nicht entwickelt.

Rupert Sausgruber: Österreich hat im Wissenstransfer in den letzten Jahren deutliche Fortschritte gemacht, Universitäten und Unternehmen arbeiten bereits eng zusammen. An der WU Wien setzen wir dazu auf gezielte Formate und Strukturen. Neben zahlreichen Kooperationen und gemeinsamen Forschungsprojekten zwischen Wissenschaft und Praxis gibt es speziell konzipierte Lehrveranstaltungen sowie Business-Case-Challenges, bei denen Studierendenteams unter wissenschaftlicher Betreuung an Fragestellungen von Unternehmen arbeiten. Ein weiteres Beispiel ist die Gründung einer eigenen Start-up-Investmentgesellschaft über die WU-Stiftung. Damit unterstützen wir Unternehmensgründungen bereits in einer frühen Phase. Solche Instrumente bräuchte es vermehrt, um den Transfer dynamischer zu gestalten.

Jens Schneider: Kooperationen, gemeinsame Projekte und Instrumente wie Christian-Doppler-Labors bringen Unternehmen, auch KMU, nah an exzellente Forschung. Auch der Transfer über Studierende, Weiterbildung und offene Infrastrukturen wirkt. Aber ja: Wir müssen schneller und skalierbarer werden – mehr klare IP-Regeln, professionellere Transfer-Services, weniger Reibungsverluste in Förderlogiken, und vor allem mehr Risikokapital und passende Rahmenbedingungen für Spin-offs.

Was benötigt es für eine enge Zusammenarbeit zwischen Wirtschaft und Wissenschaft?

Heinz Faßmann: Offenheit, um den Weg miteinander zu gehen, Mut, um die bekannten Welten zu verlassen und Realismus, um sich vor zu hoch gespannten Erwartungen zu schützen. Und es erfordert Rahmenbedingungen für ein erfolgreiches Ökosystem, in dem Wirtschaft und Wissenschaft gut zusammenkommen. Auch die Forschungseinrichtungen selbst sind für ein funktionierendes Ökosystem mitverantwortlich. Die ÖAW etwa hilft bei der Erschließung von öffentlichen Fördermitteln, ist Partnerin von Entrepreneurship Programmen und verfügt über ein Netzwerk von potenziellen Investorinnen und Investoren, die bereit sind, Unternehmen zu gründen bzw. zu finanzieren.

Eva Schulev-Steindl: Aus Sicht der BOKU braucht es klare Missionen, geteilte Infrastruktur und verlässliche Rahmenbedingungen, damit Wirtschaft und Wissenschaft in Österreich enger zusammenarbeiten. So werden aus exzellenter Forschung rascher marktfähige, nachhaltige Lösungen – und Österreich stärkt seine Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit.

Markus Müller: Es benötigt einen entsprechenden Kapitalmarkt analog zu den USA.

Gibt es Beispiele eines gelungenen Wissenstransfers?

Jens Schneider: Erfolgsmodelle sind meist Ökosysteme. keine Einzelprojekte. Da spielen starke Unis, industriegetriebene Forschung, Kapital, Talente und klare Governance zusammen. Entscheidend ist der „Durchlauf“: von Grundlagenforschung über angewandte Entwicklung bis zum Markt – mit gemeinsam genutzter Infrastruktur und internationaler Sichtbarkeit. Wenn das zusammenspielt, entstehen schnellere Innovationszyklen und Skalierung.

Carsten Q. Schneider: Vor allem Offenheit und internationale Vernetzung. Im Wettbewerb um kluge Köpfe können wir uns komplizierte Einwanderungsprozesse nicht leisten. Für Forschende und Studierende sind solche Hürden ein Standortnachteil.

Sebastian Schütze: Erfolgreiche Beispiele weltweit, etwa in Kalifornien, in der Schweiz oder in Singapur, zeigen, dass es ein gut abgestimmtes Gesamtsystem braucht, damit wissenschaftliche Innovationen erfolgreich am Standort umgesetzt werden. Dazu gehören flexible Kooperationsmodelle zwischen Wissenschaft und Wirtschaft genauso wie der Abbau bürokratischer Hürden und ausreichend Venture Capital für erfolgreiche Start-ups und Spin-offs.

Sollte man sich nur auf bestimmte Forschungsbereiche konzentrieren?

Rupert Sausgruber: Kein Land und keine Universität kann in allen Disziplinen Weltspitze sein. Gleichzeitig darf man Forschung nicht zu stark einengen. Viele Durchbrüche entstehen an den Schnittstellen verschiedener Fächer oder aus unerwarteten Fragestellungen.

Sebastian Schütze: Die Universität Wien ist in den Sozial- und Geisteswissenschaften genauso stark aufgestellt wie in den Lebens- und Naturwissenschaften. Das macht unsere internationale Sichtbarkeit und Reputation aus und ermöglicht es, die großen Zukunftsthemen gesamtheitlich anzugehen. Gleichzeitig setzen wir klare Schwerpunkte dort, wo exzellente Forschung und hohe gesellschaftliche Relevanz den größten Hebel haben. Das gilt in der Klimaforschung genauso wie in der Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern.

Was wünschen Sie sich von Politik, Wirtschaft und der Bevölkerung?

Heinz Faßmann: Uns allen sollte klar sein, dass Österreich ohne Forschung intellektuell, wirtschaftlich und auch politisch zurückfallen würde. Daher sollte mit Ernsthaftigkeit eine Forschungspolitik betrieben werden, die Österreich in den Mittelpunkt rückt. Der überfällige FTI-Pakt ist zu beschließen und für eine wachstumsorientierte Budgetierung ist zu sorgen, so wie es das BMFWF angekündigt hat. Und längerfristig ist eine Transferstrategie zu überlegen, die eine erfolgreiche Koppelung von Forschung und Wirtschaft in den Mittelpunkt rückt.

Sebastian Schütze: Planungssicherheit und entsprechende Finanzierung durch die Politik, innovative Kooperationsmodelle zwischen Wissenschaft und Wirtschaft und starke Wissenschaftskommunikation, die deutlich macht, dass international renommierte Universitäten durch exzellente Forschung und Lehre wesentlich zum Wohlstand in unserem Land und zu einer stabilen Demokratie beitragen. Dazu wird das neue Science Communication Center in Wien, das wir 2027 gemeinsam mit der TU Wien und der Österreichischen Akademie der Wissenschaften eröffnen, einen großen Beitrag leisten.

Eva Schulev-Steindl: Von der Politik wünsche ich mir eine Stärkung der exzellenten Grundlagenforschung, missionsorientierte Programme zu Klima, Bioökonomie, Ernährung, Wasser – mehrjährig, mit Transferbudgets. Aber auch vereinfachte Administration, schnellere Ausschreibungen, Prototypenförderung, die Optimierung von rechtlichen und regulatorischen Rahmenbedingungen, z. B. Finanzierungsmöglichkeiten für Start-ups und Spin-offs.

Rupert Sausgruber: Ich wünsche mir von der Politik ein klares Bekenntnis zu starken Universitäten. Forschung und Lehre brauchen verlässliche Finanzierung und langfristige Strategien. Von der Wirtschaft erwarte ich mehr Investitionen in Partnerschaften mit Hochschulen und ein deutliches Bekenntnis zu Innovation als gemeinsame Aufgabe. Und von der Bevölkerung wünsche ich mir Vertrauen in die Wissenschaft und Offenheit für Neues. Denn Universitäten leisten einen entscheidenden Beitrag für Österreich: Sie ermöglichen leistbares Studieren auf höchstem Niveau, schaffen somit sozialen Aufstieg und sorgen für hoch qualifizierte Menschen. Ein international konkurrenzfähiges Hochschulwesen ist unerlässlich, damit junge Talente im Land bleiben und Österreich auch in Zukunft erfolgreich ist.

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