Von Kandidaten und überkandidelten Kolumnisten
Gar nicht überkandidelt, dafür sehr einprägsam ist dieser Firmenname.
Kürzlich war der Wortklauber ein wenig zu überkandidelt. In der Kolumne über die häufigsten Schimpfwörter im Autoverkehr berichtete er von einem SUV-Fahrer, der die stehende Kolonne auf der Busspur überholte und sich, von der Polizei angehalten, „ein Bußgeld abholte“. Diese Formulierung missfiel einigen Lesern – schließlich sei die österreichische Bezeichnung „Strafmandat“.
Tatsächlich war dem Wortklauber bei der Formulierung ein wenig der Schalk im Nacken gesessen – er hatte auf das Wortspiel „Busspur – Bußgeld“ abgezielt. Doch wie sich herausstellte: Dieses war offensichtlich überkandidelt – und die Strafe (nicht das Bußgeld!) folgte in Form von Leserbriefen auf dem Fuße.
***
Doch was genau bedeutet „überkandidelt“ eigentlich und wovon leitet sich das Wort ab? In der Regel wird überkandidelt mit „übertrieben“, „extravagant“ bzw. „überspannt“ definiert. Abzuleiten ist das Wort, wie die meisten Fremdwörter (ob es den Herrn Bildungsminister freut oder nicht), aus dem Lateinischen: Das Adjektiv candidus (eigentlich „weiß“, „glänzend“) hat auch die Bedeutung „heiter“: Ein überkandidelter Mensch neigt dazu, aus Jux und Tollerei auch einmal zu übertreiben (und vielleicht dazu die Wörter Busspur und Bußgeld miteinander zu kombinieren).
Dieselbe Wortwurzel hat übrigens das Fremdwort „Kandidat“. Nicht, dass dieser zwangsläufig Heiterkeit versprüht – üblicherweise ist bei Kandidaturen eher Anspannung angesagt. In diesem Fall hat das lateinische Wort candidus vielmehr die Grundbedeutung „weiß“. Der Hintergrund: Bei den alten Römern mussten Amtsbewerber mit einer reinweißen Toga (toga candida) vor dem Volk erscheinen (hatten sie das Amt dann erlangt, durften sie eine Toga mit Purpurstreifen tragen) – ein Kandidat musste also, wenn man so will, eine weiße Weste haben. Was für den eingangs erwähnten SUV-Fahrer nun sicher nicht mehr zutrifft.
***
Fundstück der Woche: „In der Hauordnung sind diese Tätigkeiten an sich verboten“ (ORF-Teletext über die Kampagne der Wiener Linien gegen lautes Telefonieren und Musikhören in den Öffis).
Wer der Verfasser der Hauordnung ist, bleibt offen – vielleicht war es ja ein Rapid-Hooligan.
***
Wolfram Kautzky ist Philologe und geht gerne den Wörtern auf den Grund.
Kommentare