Von Depperln, Trotteln und Vollidioten

Wolfram Kautzky geht in seiner Kolumne "Wortklauberei" den Wörtern auf den Grund.
Wolfram Kautzky
Angry driver.

„Das ist ein kleines Depperl!“, entfährt es Herrn Ing. M., als der dicke SUV auf der Busspur die Kolonne überholt (und sich, kurz darauf von der Polizei angehalten, ein ordentliches Bußgeld abholt).

Was den Wortklauber mehr als die Höhe der Strafe interessiert: Die Injurie „kleines Depperl“ ist eigentlich ein Pleonasmus. Auf gut Deutsch: Hier wird zweimal das Gleiche ausgedrückt – einmal durch das Adjektiv „klein“, das zweite Mal durch das Suffix „-erl“. Diese Endsilbe dient in Österreich zur Verkleinerung bzw. zur Verniedlichung von Begriffen: Ein Batzerl ist ein kleiner Batzen, ein Sackerl ein kleiner Sack, ein Manderl ein kleiner Mann. In manchen Fällen kommt diese Endung auch dann zum Einsatz, wenn zur Verkleinerungsform gar kein Grundwort existiert: Zum Powidl-Tascherl gibt’s keine Powidl-Tasche, zum Zwutschkerl kein Zwutsch und zum Kipferl kein Kipf (über das Zumpferl wollen wir uns an dieser Stelle nicht verbreitern). Eine Besonderheit stellt das Wort „Frauerl“ dar: Bei ihm handelt es sich nicht etwa um eine kleine Frau, sondern um eine Hundebesitzerin – und zwar ganz unabhängig von ihrer Körpergröße.

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Freilich ist bei Schimpfwörtern die Verkleinerung weit seltener anzutreffen als die Steigerung. Letztere findet bevorzugt durch die Vorsilbe „Voll-“ statt. Wie aus einer Umfrage des Kuratoriums für Verkehrssicherheit hervorgeht, greifen 19 Prozent der schimpfenden Verkehrsteilnehmer zum Trottel bzw. Volltrottel, dicht gefolgt von verschiedensten Varianten der Hinterteil-Benennung (17 Prozent) und dem ebenfalls mit „Voll-“ bequem steigerbaren Idioten (12 Prozent).

Sprachlich abzuleiten ist der Trottel übrigens vom Verbum „trotten“ (= sich schwerfällig fortbewegen). Ein Trottel ist also ein „Mensch mit täppischem Gang“ (so die Duden-Definition) – manchmal aber auch, siehe Anfang, ein SUV-Fahrer, der auf der Busspur unterwegs ist.

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Fundstück der Woche: „Sicherheit im Netz entsteht nicht durch Deklinieren von Verben“ (Neos-Abgeordnete Ines Holzegger auf einem Reel zum Safer Internet Day)

Gäbe es einen Safer Language Day, könnte sich die Abgeordnete sowohl das Deklinieren von Verben als auch das Konjugieren von Hauptwörtern sparen. Mit Sicherheit.

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Wolfram Kautzky ist Philologe und geht gerne den Wörtern auf den Grund.

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