Was bei(m) Schiffen staunen lässt
Unlängst wurde an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass Schiffe in der Regel mit dem weiblichen Artikel versehen werden („die MS Nestroy“ etc.). Dazu fragt Leser Mag. Otto G.: Gibt es eigentlich einen Zusammenhang zwischen den Wörtern „Schiff“ und „schiffen“?
Dazu fällt dem Wortklauber eine Episode aus dem letzten Sommer ein. Als im schönen Passau ein junger Mann aus dem Alten Bräuhaus torkelt, lässt er seine Umgebung lautstark wissen: „Ich muss schiffen!“ Dieses Faktum an sich wäre noch nicht der Rede wert, gewann allerdings durch einen Blick auf sein T-Shirt an Bedeutung: „Navigare necesse est“ war dort zu lesen.
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Zur Erklärung: Das lateinische Wort navigare bedeutet „mit dem Schiff fahren“. Der auf dem Leiberl aufgedruckte Spruch bedeutet also wörtlich „Es ist nötig, mit dem Schiff zu fahren“ (ein Slogan, der seit der Antike auf die Wichtigkeit der Seefahrt hinweist).
Wer einen Zug zu sprachlicher Extravaganz hat, sagt möglicherweise jedoch „Es ist nötig, zu schiffen.“ Die Verwendung des Verbums „schiffen“ für „mit dem Schiff fahren“ ist zwar längst veraltet, spiegelt sich aber im heutigen Sprachgebrauch noch im Verbum „sich einschiffen“ bzw. im Adjektiv „schiffbar“ wider.
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Zurück zum heiteren Studenten. Trotz seines dringenden Bedürfnisses war er immerhin noch imstande, seinen lateinischen T-Shirt-Spruch in, wenn auch antiquiertes, Deutsch zu übersetzen.
Bleibt die Frage: Wieso wird „schiffen“ auch für das Wasserlassen verwendet? Schon im Althochdeutschen hatte „Schiff“ auch die Bedeutung „Gefäß“. In der Studentensprache des 18. Jahrhunderts wurde damit im Speziellen das „Nachtgeschirr“ bezeichnet, in das man bei Bedarf urinierte – ein Vorgang, der seit damals umgangssprachlich als „schiffen“ bezeichnet wird (und in weiterer Folge auch auf heftigen Regen übertragen wurde).
Aber aufgepasst, liebe Sprachpuristen: Achten Sie auf die korrekte Perfektbildung – es ist nicht dasselbe, ob Sie drei Stunden auf der Donau geschifft sind oder ebendort drei Stunden geschifft haben.
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Fundstück der Woche: „Rächerlachs, 100 Gramm 3,79 €“ (Angebot in der Billa-Filiale Brünner Straße).
Wer etwas Böses angestellt hat, sollte dieses Angebot ausschlagen.
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Wolfram Kautzky ist Philologe und geht gerne den Wörtern auf den Grund.
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