Kolumnen
04.11.2018

WM-Träume, auf Sand gebaut

Eine grenzüberschreitende WM, ein Einbinden anderer Golfstaaten, ist in Anbetracht der politisch so heiklen Lage Utopie.

In genau vier Jahren wird um diese Jahreszeit nicht mehr um Ligapunkte gespielt. Der Klubbetrieb wird ruhen. Salzburg, der LASK, Sturm, Austria, Rapid und die anderen werden bereits Anfang November in die Weihnachtspause gehen, wenn ...

... ja wenn die Fußball-WM tatsächlich – wie vorgesehen – am 18. November in Katar gestartet und kurz vor dem Heiligen Abend beendet wird;

und wenn sich das ÖFB-Team mit dem dann 30 Jahre alten David Alaba für die WM 2022 qualifiziert.

Die Chancen für Österreichs erste WM-Teilnahme nach 24 Jahren stehen auf den ersten Blick gut. Denn die Zahl der Starter soll von 32 auf 48 Nationen angehoben werden. Vor allem der Präsident des Welt-Fußballverbandes FIFA, der Schweizer Gianni Infantino, macht sich dafür stark.

Absurd.

Der Wüstenstaat Katar hat kaum 2,7 Millionen Einwohner. Seine Gesamtfläche weist nur 11.586 Quadratkilometer und damit um 8000 weniger als Niederösterreich auf. Trotzdem soll im bisher kleinsten WM-Gastgeberland die Weltmeisterschaft mit der größten Teilnehmerzahl der Geschichte stattfinden.

Eine grenzüberschreitende WM, ein Einbinden anderer Golfstaaten, ist in Anbetracht der politisch so heiklen Lage Utopie. Es ist aktuell gleichermaßen unvorstellbar ...

... wie weibliche Fans, die 2022 mit Bikini statt Burka auf den Tribünen sitzen;

... und wie ein Antreten des (im Erfolgsfalle auch noch 2022 von Andreas Herzog gecoachten) israelischen Nationalteams in Katar.

Der Mini-Staat gilt als isoliert. Er wird von den Saudis, von Bahrain und den Emiraten boykottiert. Er wird der Kooperation mit dem Iran beschuldigt, der wiederum der Hauptfeind Israels ist.

Als Katar für 2022 – noch unter der Regie des längst abgehalfterten FIFA-Präsident Joseph S. Blatter – wider Erwarten den Zuschlag erhielt, war noch geplant, die WM im Hochsommer über die Wüstenbühne gehen zu lassen. Das wäre technisch zwar machbar, weil die Katarer – wie dem KURIER-Autor in Doha schon 2011 demonstriert – ihre Stadien unter freiem Himmel auf 18 Grad abkühlen können. Die WM-Fans aber wären vor und nach den Spielen bei 50 Grad geröstet worden.

Durchschaut

In der Adventzeit ist das Klima touristenfreundlicher. Infantino bekommt im Moment freilich aus einem anderen Grund einen roten Kopf: Hacker sind ins FIFA-Computersystem eingedrungen, und der Präsident befürchtet, dass Unbekannte in seine geheimsten Zahlen und Pläne Einblick bekommen.

Um herauszufinden, warum Infantino gar so zuggunsten des gasreichen Mini-Staates Gas gibt, warum er sich gar so sehr für ein Aufblähen des WM-Teilnehmerfeldes einsetzt, muss man allerdings kein Digital-Spion sein.

Der Schweizer Advokat, der an der Entmachtung seines Landsmanns Blatter stark mitgewirkt haben soll, will als FIFA-Präsident wiedergewählt werden. Und dazu hat Infantino die besten Chancen, wenn er den stimmenreichen Verbänden von Afrika und Asien zusätzliche WM-Startplätze verspricht. Zuungunsten von Europa und damit auch von Österreich. Weshalb auf den zweiten Blick die Chancen für Rot-Weiß-Rot so extrem rosig vielleicht doch wieder nicht sind.wolfgang.winheim