Vea Kaisers "Fabelhafte Welt": Spitzhacke in der Wildnis
Warum der Garten immer gewinnt – und wir trotzdem weitermachen
Dort, wo ich aufgewachsen bin, würde man die paar Quadratmeter rund um unser Haus wohl kaum als Garten bezeichnen, sondern eher als urbane Grünfläche – oder, ungefiltert, als unbetonierter Hinterhof.
Dennoch benehmen sich die hier residierenden Pflanzen, als gäbe es für die am schnellsten wachsende eine lebenslange Flatrate auf sehr geilen Dünger zu gewinnen. Sie wuchern mit einer Konsequenz, die mir Respekt einflößt – während der Garten selbst keinerlei Respekt vor mir zeigt. Dieses Stück Grün ist von Mauern, Zäunen und Straßen eingezwängt, Leitungen durchziehen seine Eingeweide – und trotzdem wildwächst es.
Natur bleibt Natur. Und diese hat die Angewohnheit, den Menschen gelegentlich auf seinen Platz zu verweisen. Gelernt habe ich das einst im wunderschönen Garten meiner Großmutter. Tagein, tagaus arbeitete sie dort. Als Kind hätte ich mir gewünscht, sie würde mit mir spielen, statt zu sagen, sie habe noch so viel im Garten zu tun. Am Ende ließ der Garten sie im Stich. In ihren letzten Jahren verwilderte das, was sie so lange gehegt hatte – und betrübte sie.
Vielleicht kommt daher mein Respekt. Oder meine Angst, mich in etwas zu verlieren, das niemals fertig wird. Denn während ich Pflanzen zurückschneide, schießen meine Kinder in die Höhe. Und trotzdem stehe ich immer wieder draußen. Vor allem dann, wenn das Schreiben stockt oder jemand geschafft hat, mich zu beleidigen.
Dann greife ich zur Spitzhacke oder Heckenschere, als ließe sich Ärger trimmen, roden und ausgraben. Als würde ein herausgehackter Wurzelstock mein Leben verbessern. Der Garten gewinnt immer. Aber der Mensch will sich zumindest gewehrt haben. Und sei es, der dadurch schlagartig verbesserten Laune wegen.
vea.kaiser@kurier.at
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