Vea Kaisers "Fabelhafte Welt": Raum und Wachstum
Über nötige Kahlschläge, die Platz für neues machen oder Warum Impulskontrolle vor allem im Frühling überbewertet ist
Einmal pro Jahr zwinge ich mich, mein Bücherregal „anzugehen“. Früher wurden die Bücherregale von jener guten Dame abgestaubt, die uns gegen die Verwahrlosung hilft.
Das bewahrte meine kleine Familie zwar vor Atemproblemen, löste aber nicht das eigentliche Problem: dass ich zu viele Bücher habe. Früher dachte ich, man kann nicht zu viele Bücher haben. Doch 15 Jahre Schriftstellerei lehrten: Bücher sind wie Kaninchen. Entzückend anzusehen, aber im richtigen Habitat vermehren sie sich unkontrolliert. Und meine Arme scheinen dieses Habitat für gebundene Druckwerke zu sein.
Einerseits leide ich an einer Art compulsive book buying disorder. Normale Menschen betreten eine Buchhandlung und verlassen sie mit einem (gesuchten) Werk wieder. Ich komme mit drei Taschen zurück und der vagen Erinnerung, eigentlich wegen Brot losmarschiert zu sein. Zudem besorge ich alle Bücher von Bekannten, kaufe Bände zur Recherche – selbst wenn ich nur ein Kapitel daraus lesen will: Ich muss es besitzen. Darüber hinaus werden mir laufend Rezensionsexemplare zugeschickt. Obwohl ich täglich 100 bis 200 Seiten lese, komme ich nicht hinterher. Während ich in einem versunken bin, vermehren sich die anderen.
Beim Abstauben sortiere ich daher Bücher aus und fühle mich schrecklich. Denn jedes Buch ist eine Möglichkeit: Was, wenn ich es irgendwann noch brauche? Was, wenn ich es zu früh abgebrochen habe? Man verändert sich als Mensch ja ständig. Mich tröstet der Frühling, denn im Lenz sprießt dort etwas, wo der Winter Platz schuf. Und so auch in meinem Bücherregal: Wo eines geht, entsteht Raum für ein neues. Oder zwei. Oder drei. Ach! Frühling ist halt auch die Zeit der Vermehrung.
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