Vea Kaisers Kolumne "Fabelhafte Welt": Das Herz eines Haushalts
Das Geheimnis hinter guten Partys und der Entsakralisierung des ländlichen Raumes
Bei fast jeder guten Party versammelt sich ab einem gewissen Punkt die Festgesellschaft in der Küche. Es sei denn, dort werken gemietete Köche, aber zu solchen Partys wurde ich selten eingeladen.
Sondern eher zu Festen, bei denen Soletti in avantgardistischen Gefäßen überall herumstehen. Jahrzehntelang fragte ich mich, warum sich trotzdem alles in der Küche zusammenrottet. Am Essen kann es nicht liegen. Es ist, als habe der Mensch einen inneren Kompass, der konsequent Richtung Herd zeigt. In unserer Familie gilt eigentlich die Regel, die Schuhe vor dem Betreten des Hauses auszuziehen. Dennoch finde ich regelmäßig Schuhspuren von Mann und Söhnen in der Küche. Nirgendwo sonst sammelt sich so viel abgelegte Kleidung, Spielzeugautos und Hundekauknochen. Sogar die Heinzelmännchen, die regelmäßig meine Schlüssel entwenden, scheinen sich bevorzugt dort aufzuhalten. Ende März sollte meine Mutter eine neue Küche bekommen, doch der Einbau zog sich über Wochen.
Der Tischler hatte nebenbei nämlich auch eine Kirchentür zu renovieren. Dass meine Mutter, ehemalige Pfarrgemeinderätin, darüber nicht allzu erfreut war, deutete ich zunächst als Zeichen fortschreitender Entsakralisierung des ländlichen Raums, doch je länger sie ohne Küche war, umso mehr benahm sie sich, als hätte man ihr einen Teil ihrer selbst entfernt. Orientierungslos lief sie herum, nervös, fahrig, kaum wiederzuerkennen.
Ich hörte erst auf, mir um sie Sorgen zu machen, als ihr mein Dottore Amore in die Augen leuchten wollte und sie ihn beleidigt verjagte. Ich verstand: Die Küche ist kein Raum. Sie ist das Herz des Haushalts – offenbar auch der Ort, an dem nicht nur meine Schlüssel ein besseres Leben führen. Sondern wir alle.
vea.kaiser@kurier.at
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