Porträt von Vea Kaiser mit dunklen, gewellten Haaren und einem sanften Lächeln.

Vea Kaisers "Fabelhafte Welt": Ein Hochdruckreiniger fürs Osternest

Inwiefern die Fernseherfahrungen der Nullerjahre dazu führen, dass Kindern ihre Osterwünsche verwehrt werden

In meiner Jugend gab es nichts Cooleres als MTV. Nur eine Sendung ertrug ich nicht – was ich damals allerdings aus Angst vor "Uncoolness" für mich behielt: "Jackass". In diesem Format forderten sich Stuntmänner zu Mutproben heraus. Doch ich verstand schon als Jugendliche nicht, warum man sich freiwillig die Pobacken zutackert. Noch weniger leuchtete mir ein, wie man dabei zuschauen kann. Und dann musste ich neulich, als wir die Terrasse aus dem Winterschlaf weckten, einer Live-Ausgabe Baby-Jackass beiwohnen.

Aus dem Nichts heraus schnappte sich mein vierjähriger Sohn den Hochdruckreiniger, der Zweijährige spannte seinen kleinen roten Feuerwehrschirm auf. Nummer eins schrie: "Bereit?", Nummer zwei hielt sich den Schirm wie einen Schild vors Gesicht: "Ja, mein Bruder!" Woraufhin der Große einen Wasserstrahl mit 150 Bar Druck auf seinen Bruder losließ, der drei Meter nach hinten gefegt wurde und – Gott sei Dank – weich in den Hortensien landete.

"Nochmal!", riefen sie begeistert in jenem kurzen Moment der Stille zwischen dem Verstummen des Hochdruckreinigers und dem Einsetzen meiner Schimpftirade mit deutlich mehr als 150 Bar. "Nie wieder greift’s ihr meinen Hochdruckreiniger an! Nicht einmal anschauen braucht’s ihr den!", standpaukte ich. Seither wünschen sie sich vom Osterhasen einen eigenen. Das Erwachsenwerden hat mich glücklicherweise von der Angst befreit, als uncool zu gelten. Denn das werde ich morgen, wenn ich ihnen erklären muss, warum sie gekochte Eier und Bücher in ihren Nestern finden. Aber wenigstens weiß ich jetzt, warum ich "Jackass" schon immer furchtbar fand: weil ich scheinbar bereits als Jugendliche in der Lage war, die Perspektive der Eltern einzunehmen.

Vea Kaiser

Über Vea Kaiser

Vea Kaiser ist die Autorin der Nr.1-Bestseller „Blasmusikpop“, „Makarionissi“ und „Rückwärtswalzer“. Ihre Bücher wurden vielfach preisgekrönt und in mehrere Sprachen übersetzt. Die studierte Altphilologin lebt mit Familie am Wiener Stadtrand und schreibt für die freizeit die wöchentliche Kolumne „Fabelhafte Welt“.

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