Kolumnen
06/12/2021

Als wir Kritiker des Bachmann-Preises kritisierten

Heuer ist auch meine Wenigkeit Teil dieser Jury. Darum will ich Jungautorinnen Grund zum Aufruhr liefern.

von Vea Kaiser

Ab Mittwoch blickt die literarische Welt nach Klagenfurt, wo zum 45. Mal die Tage der deutschsprachigen Literatur stattfinden. 14 Autorinnen lesen unveröffentlichte Texte vor, ĂŒber die anschließend sieben Juroren diskutieren. Streit und harte Kritik inklusive. Der oder die Gewinnerin erhĂ€lt den Ingeborg-Bachmann-Preis, eine der grĂ¶ĂŸten Auszeichnungen, die ein auf Deutsch schreibender Mensch erhalten kann.

Heuer ist auch meine Wenigkeit Teil dieser Jury und je nĂ€her der Bewerb rĂŒckt, desto schlechter schlafe ich. Als SchreibkĂŒcken saß ich mit meinen ebenfalls vom Schriftstellerleben trĂ€umenden Freunden tagelang vor dem Fernseher, um das Wettlesen am Wörthersee mitzuverfolgen. Wir kritisierten jedoch nie die Autoren, sondern zerlegten die Jury. FĂŒr uns Jungschreiberinnen war es eine Frechheit, dass diese Kritikerinnen sich trauten, so laute und absolute Verdikte ĂŒber Literatur zu prĂ€sentieren. NatĂŒrlich wussten wir es besser, wĂ€hrend wir Tetrapackwein vom Diskonter tranken und selbstgedrehte Zigaretten rauchten.

Uns hatte nur leider niemand eingeladen, was wir natĂŒrlich als himmelschreiende Frechheit empfanden. Wir wetteten also um CentbetrĂ€ge, wer gewĂ€nne, kippten Shots, wann immer die Jury Floskeln wie poetische Bilder oder furioses Tempo benutzte, und bildeten in der heftigen Auseinandersetzung mit den Urteilen anderer unsere eigene Meinung. UrsprĂŒnglich nahm ich die Einladung in die Jury an, um das, was ich als allwissende ZwanzigjĂ€hrige so furchtbar fand, besser zu machen. Aber ich glaube, es wĂŒrde mich ebenso glĂŒcklich machen, wenn ich ein paar ambitionierten Jungautorinnen Grund zum Aufruhr liefere. Friede, Freude und Eierkuchen sind toll, Vielfalt ist besser. Und die entsteht, wenn sich nicht alle einig sind.

Lasset die Spiele beginnen, lasset uns kritisieren, und lasset uns noch vehementer kritisiert werden.

vea.kaiser@kurier.at

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