Kolumnen
04/19/2019

Touristen sind immer nur die anderen

Warum fast alle Städte gleich sind und nur manche ein kleines bisschen anders.

Gehen Sie gerade zum ersten Mal heuer barfuß? Am Strand von Grado? Stehen Sie in der Menschenschlange vor den Uffizien? Oder bei den Pilgern auf dem Petersplatz? (Zur Sicherheit: Der Segen Urbi et orbi kommt erst am Sonntag; wer zum ersten Mal dabei ist: auf die Worte Urbi et orbi selbst können Sie lange warten.)

Sollte das alles nicht auf Sie zutreffen, gehen wir davon aus, dass Sie, ebenso wie das Redaktionskomitee der Wiener Ansichten, zu jener Handvoll Österreicher gehören, die über Ostern nicht nach Italien gefahren sind. Die Gründe dafür muss jeder von uns daheim klären. Kleiner Trost: Fast so schlimm, wie nicht in Italien zu sein, ist das Gefühl, dort als Tourist erkannt zu werden: Etwa, wenn man konsequent etwas spricht, das man für Italienisch hält und einem stets auf Englisch geantwortet wird.

Ob Christian Hlavac und Christa Englinger Italienisch sprechen, entzieht sich unserer Kenntnis, aber sie kennen das Gefühl, dass die Touristen in Italien immer nur die anderen sind. Sie selbst sind hier „fast schon zu Hause.“ (Wir eh auch!)

Als das Arrivederci eines Tages wieder besonders schwer fiel, beschlossen die beiden, den Abschiedsschmerz zu lindern, in dem sie sich auf die Suche nach den italienischen Spuren in Österreich machten, wo immerhin mit dem Corriere Italiano einst eine italienische Wochenzeitung erschien. Und ja, das kluge Buch La Bella Austria lindert auch den Schmerz der Daheimgebliebenen. So erfahren wir, dass der Associazione Verace Pizza Napoletana (zum Schutz der wahrhaftigen neapolitanischen Pizza!) drei Lokale in Wien angehören (u.a. die Pizzeria Riva); dass zu den ersten Gelati-Verkäufern Wiens Mitte des 18. Jahrhunderts der Taroni und der Milani nebst Graben und Kohlmarkt gehörten und dass es im Prater einst Probleme mit italienischen Salamiverkäufern gab. Und ja, die Mailand-Wiener-Schnitzel-Malaise findet sich auch im Buch.

Noch immer Fernweh? Verständlich. Bedenken Sie jedoch bei allen Reisen, was bereits bei der Tante Jolesch zu erfahren war: „Alle Städte sind gleich, nur Venedig is a bissele anders.“