Kolumnen
08/01/2020

Tiergarten: Vielleicht besichtigen sie uns

"ÜberLeben": Warum den Zoo-Tieren während des Lockdowns fad war.

von Guido Tartarotti

Eine der interessantesten Nachrichten der Corona-Zeit ist für mich die mit den Tieren. Nämlich: Irgendwo war zu lesen, dass sich  im „Lockdown“  die Tiere in den Zoos so langweilten. Weil niemand kam, um sie zu besichtigen.

Das lässt verschiedene Schlüsse zu. Möglicherweise sind Zootiere eitel, weil sie von klein auf lernen, dass Besichtigung im Zoo eine Währung ist: Wer öfter und länger angeschaut wird, der ist der größere Star. Ein Tiergarten ist ja auch nur eine Showbühne, eine Art animalische „Starnacht am Wörthersee“, nur dass, Gottseidank, niemand singt, jedenfalls keinen volkstümlichen Schlager, und die, die Fellmoonboots tragen, können nichts dafür, weil ihnen die Moonboots nämlich angewachsen sind.

Für diese These spricht, dass es ja tatsächlich Tiere gibt, die vor Publikum performen wie Mick Jagger oder Freddie Mercury. Als ich ein Kind war, gab es in Schönbrunn einen Pfau, der immer nur dann ein Rad schlug, wenn das Publikum groß genug war. Die Robben sind sowieso eine Boyband, die wissen genau, dass eine Flossenbewegung reicht, um die Fans zum Kreischen zu bringen. Und ich kannte einmal einen Papagei, der sein Publikum mit maßgefertigten Parodien fast so gut unterhielt wie Viktor Gernot oder Thomas Stipsits.

(Damals, vor Jahrzehnten, lebte in Schönbrunn auch ein Braunbär, der genau gar nichts machte. Er schlief einfach vor sich hin, das Publikum war ihm sichtlich wurscht. Den mochte ich, er hatte eine leicht traurige Würde, und ich schaute ihm, so lange ich es aushielt, beim Schlafen zu.)

Vielleicht ist aber auch alles ganz anders. Vielleicht war den Zootieren in der Zeit, als die Tiergärten geschlossen waren, deshalb fad, weil SIE nichts zu sehen bekamen. Vielleicht ist es ja genau umgekehrt: Nicht wir besichtigen die Zootiere – sie besichtigen uns. Und lachen sich schief, wie komisch Menschen aussehen, wenn sie glauben, nicht beobachtet zu werden, sondern zu beobachten.