Kolumnen
06.05.2018

Tagebuch: Als ein Rapid-Legionär in der Kirche schlief

Salzburgs Talenteschmiede hat europaweit einen exzellenten Ruf - während die Rapid-Akademie den Namen nicht verdient.

Vor 50 Jahren pflegte man in Hütteldorf und Umgebung auf die Frage, welche Mannschaften hierzulande die besten seien, zu antworten: „Rapid und die Rapid-Reserve.“

Ähnlich selbstbewusste Töne ließen sich – auf Salzburg bezogen – aktuell vom Red-Bull-Fußballkonzern anschlagen. Zumal FC Salzburg nur märtyrerhaft das Europa-League-Finale verpasste; Liefering alias Salzburg B in der zweiten Liga den technisch feinsten Fußball spielt und RB Leipzig sich aus Salzburg notorisch ungeniert die jeweiligen Leistungsträger holt. Auch Salzburg-Trainer Marco Rose steht in Deutschland hoch im Kurs. Doch der Sachse lässt sich, was seine Zukunft betrifft, öffentlich nicht aus der Reserve locken. In Österreich wiederum sind selbst Roses Reservisten bei der Konkurrenz begehrt.

Salzburgs Talenteschmiede hat unter Fachleuten europaweit einen exzellenten Ruf. Während die Rapid-Akademie den Namen nicht verdient. In Anbetracht fehlender Infrastrukturen spricht’s für die Nachwuchstrainer, dass es immer wieder grün-weiße Grünschnäbel (Wöber, Ljubicic usw.) nach oben schaffen.

TV-Premiere

Wie’s um Wiens Nachwuchs bestellt ist, können ORF-Seher heute beurteilen – wenn Sport+ erstmals ein Amateur-Derby zwischen Rapid und Austria (10.15 Uhr) überträgt. Angepfiffen wird aus Sicherheitsgründen auf dem Hauptfeld des Rapid-Stadions. Hardcore-Fans werden in getrennten Sektoren untergebracht. Obwohl Rapid II (Trainer Muhammet Akagündüz) im Gegensatz zu den Jung-Austrianern (Trainer Andreas Ogris) kaum Chancen auf den Aufstieg in die neue, auf 16 Klubs erweiterte, zweite Bundesliga hat.

Gleichgültig, ob Regional- oder Bundesliga II – von der Konfrontation mit Routiniers profitieren Talente mehr als dies im letzten Jahrtausend in der inzuchtverdächtigen Bundesliga-U-21-Meisterschaft der Fall war . Davor gab es zeitweise für Wiens Großklubs sogar eine Reserve-Liga, die mit Landesligaklubs aufgefüllt wurde. Und so kam es, dass Rapid-Legionär Tom Söndergaard einmal strafweise auf dem NAC-Platz in der Nußdorfer Heurigengegend gegen jenen Wiener Ligaklub stürmen musste, dem der Schreiber dieser Zeilen angehörte, der den Dänen wenig Tage davor noch interviewt hatte.

Dritte Halbzeit

Der skandinavische Nationalspieler war über seine Reservistenrolle so vergrämt, dass er den Frust in der Probusgasse an Schank und Bar hinunterspülte. Wie auf dem Feld zeigte Tom auch in der dritten Halbzeit mehr Ausdauer und Offensivgeist als der vom Match erschöpfte KURIER-Jungspund.

Weil Söndergaard kein Taxi mehr fand, zog er die (damals noch rund um die Uhr geöffnete) Heiligenstädter Pfarrkirche als Schlafstätte vor.

Stunden später fiel der Rapid-Legionär während der Sonntagsmesse erst dann auf, als sein Schnarchen die Predigt vom Hochwürden übertönte.

Wie viel Schillinge Tom damals schuldbewusst in den Klingelbeutel warf, hab ich meinen Gegenspieler nicht gefragt, geschweige denn je davon geschrieben.

Ich weiß nur, dass Rapid kurz später mit dem pardonierten Söndergaard Meister wurde.Und dass Rapid fünf Monate danach Real Madrid aus dem Europacup warf. Auch das war vor 50 Jahren.wolfgang.winheim