Kolumnen
14.10.2018

Paaradox: Vom Sagen und Meinen

Im Wort-Reich: Die eheliche Sprache ist voller Geheimnisse, die gar keine sind.

SIE

Unlängst fiel mir bei Aufräumarbeiten ein Bändchen in die Hände – der  Titel: Beziehungsgrammatik, leicht gemacht. Jö dachte ich, blätterte darin und landete bei einem Test für Männer. Aufgabe war es, den versteckten „femininen Imperativ“ zu identifizieren  – also herauszufinden, was etwa hinter Sätzen wie Ein Kakao wäre jetzt sehr suprig  tatsächlich steht. Nämlich die unmissverständliche Aufforderung, er sollte ihr eine heiße Tasse feinste Schokolade organisieren. Und zwar pronto. So eine platte und durchschaubare Taktik käme dem Mann nebenan natürlich niemals in den Sinn. Dafür beherrscht er die Technik des „Reframings“ nahezu perfekt. Er ist ausgezeichnet darin, eigene Schwächen mittels Kommunikation so in einem anderen Blickwinkel (=Rahmen) erscheinen zu lassen, dass er rüberkommt wie Superman und Zahnfee in einer Person.


Situationselastisch

Auf diese Weise wandelt sich seine Unzuverlässigkeit in situationselastisches Geschmeidigsein, was er dann mit Sätzen wie Nicht aufregen, alles zu seiner Zeit, nur bitte nicht jetzt untermalt. Wenn ich sage, er ist faul, sagt er, er sei entspannt wie Buddha. Wenn ich sage, er ist bei Gemüse und Salat fast schon ätzend heikel, sagt er, er sei ein Mensch mit sensiblem Gaumen. Wenn ich sage, er schaut zu viel Sport, sagt er, er sei eben noch mit ganzem Herzen an etwas interessiert und leidenschaftlich. Aber gut, Reframing kann ich auch. Erst vor Kurzem, als er meinte, ich solle mich doch bitte nicht ununterbrochen in alles einmischen. Darauf mit großen Augen den Satz  Aber ich meine es doch nur gut mit dir zu hauchen, machte mich fast ein bisserl high.

Lesetermine: 17. 11. Weinwerk, Neusiedl, 23. 11, Kottingbrunn.

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ER

Nach vielen gemeinsamen Jahren weiß man von seiner Frau nicht nur, dass sie Haferflocken zum Frühstück isst, sogar in Tropennächten mit Socken schläft oder jeden Abend angerufen werden muss, weil sie ihr Handy nicht findet. Man kennt natürlich auch alle kommunikativen Muster und sprachlichen Finessen. Mit der Kernbotschaft: Was die Liebste denkt, und was sie spricht, sind verdammt oft zwei Paar Schuhe. Speziell dann, wenn es darum geht, Erledigungen, die sie für „absolut überfällig“ erachtet, durchzuführen, pardon, durchführen zu lassen, bevorzugt sie die Jahrtausende alte  GeKeFoKa-Technik.

Melancholie

Im Zuge dieses Gedankenkettenforderungskatalogs, der auf dem selbstmitleidigen Grundsatz „Ich will nicht immer alles sagen müssen“ basiert, geschieht z. B.  folgendes: Gnä Kuhn blickt (scheinbar) verträumt in unser Gärtlein und haucht (scheinbar) versonnen: „Hach, es ist unübersehbar, jetzt ist er da, der Herbst.“ Das mag oberflächlich gehört ein melancholische Befund sein, das geübte Ohr versetzt mich freilich augenblicklich in Alarmbereitschaft. Denn im Klang ihrer Stimme verbirgt sich der wahre GeKeFoKa-Furor. Der lautet: Pass’ auf, Hufnagl, wenn der Herbst da ist, bläst Wind, bewegen sich Bäume, fallen Blätter ab, liegen auf der Wiese herum und räumen sich, wie jeder durchschnittlich entwickelte Gartengeist erkennt,  auch in diesem Jahr nicht von selbst weg. Ein toptrainierter Assoziationskünstler wie ich weiß das natürlich. Daher antworte ich (scheinbar) verständnisvoll: „Ohja, der Herbst, so prächtig, allein dieser farbenfrohe  Laubteppich.“ Und ihre große Irritation ist mein kleiner Sieg. 

Solo: „Abend mit einem Mannsbild“: 9. 11. Linz, 20. 11. Wien, 24. 11. Klosterneuburg, 27. 11. Rothneusiedl, 28. 11. Mödling

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