Speisekarten-Drama

Die Zeit, die der Gast mit der Karte verbringen darf, ist limitiert. Wir prangern das an.
Barbara Beer

In ein Gasthaus gehen, ohne vorher zu reservieren? Vergessen Sie’s. Sie ernten damit im besten Fall mitleidige Blicke von jenseits der Budel. Die Menschen haben kein Geld, und das Geld, das sie nicht haben, tragen sie zum Wirten.

Apropos Jammern. Es gibt einen neuen Trend. Das Speisekartendavontragen. Vorbei die Zeiten, als man noch Schnitzel kauend bereits gierige Blicke auf die Nachspeisenauswahl werfen und sich gründlich überlegen konnte, ob sich eine Topfenpala ausgeht. Die Zeit, die der Gast heute mit der Speisekarte verbringen darf, ist limitiert. Reinschauen, bestellen, weg ist sie. Kaum wird abserviert, ist sie wieder da, begleitet von der Frage, ob man ein Dessert wünsche. Die Antwort „Vielleicht“ ist bereits der Anfang vom Ende. Das Mini-Drama findet seinen Höhepunkt, wenn der Kellner wiederkommt und der Gast, obwohl derart unter Druck gesetzt, die Frage, ob er denn „etwas gefunden“ habe, abschlägig beantwortet. Ersterer ist beleidigt und tut so, als ob er persönlich Palatschinken und Strudel gebacken hätte. Zweiterer hat ein schlechtes Gewissen. Drama Ende.