Kolumnen
01/24/2020

Nostalgie ist eine Tochter der Zeit

Warum Gefühle beim Anblick der Straßenbahn ein Indikator dafür sein können, dass man alt wird

von Barbara Mader

Was haben wir gejammert. Damals, als sie uns die ULFs vorgestellt haben. So unsexy, so wenig Wienerisch fanden wir die Niederflurstraßenbahnen im Vergleich zur schönen alten Tramway mit den Holzsitzen. Das großartig postulierte Porsche-Design der Neuen konnte das noch junge, aber bereits nostalgieanfällige Redaktionskomitee der Wiener Ansichten wenig beeindrucken. Dass die ULFs oft ausfallen und dem Kontrollamt viel zu tun geben würden, das wussten wir in unserer optikfixierten Oberflächlichkeit natürlich nicht. Wir fanden sie einfach schiach.

Mit dem Alter wächst der Wunsch nach Bequemlichkeit. Unlängst, beim Warten auf den Einser, überraschte mich die Enttäuschung, als, anstatt des geräuschlos gleitenden ULFs, eine alte Tramway daher ratterte. Ist es, fragte ich mich, bloß eine Frage der Gewohnheit, dass ich die Plastiksitze in der Niederflur-Bim nun gemütlicher finde als die alten Holzsessel? Natürlich macht die Retro-Straßenbahn rein äußerlich mehr her, gefinkelte Touristiker erkennen in ihr gewiss einen Instagramspot. Aber das mühelos-elegante Hinein- und Hinausschlüpfen, das der Niederflurbetrieb ermöglicht, dazu der Sound of Silence des stillen Gleitens, kombiniert mit hygienisch-hässlichen Plastiksitzen – das hat was. Ich fühlte mich ertappt: Hat das Bedürfnis nach Komfort tatsächlich jenes nach Ästhetik überholt? Steht das hohe Alter bereits vor der Tür wie bei Raimunds Bauer als Millionär, um höhnisch auf die Gebrechen der fortgeschrittenen Jahre aufmerksam zu machen?

Nostalgie ist eine Tochter der Zeit, denke ich und bleibe – ist es Altersstarrsinn? – trotzig: Wonach ich nostalgisch bin, das suche ich mir immer noch selbst aus. Meinetwegen nicht mehr nach der alten Bim. Sehr wohl jedoch nach Musik von gestern. Gut, dass die Kulturstadträtin nun als Gruß zum FM4-Jubiläum ein Beastie-Boys-Video durch die sozialen Medien schickte. Das Beste aus beiden Welten, sage ich, lasse mich auf kommoden Plastiksitzen nieder und lausche den gut abgehangenen, immer noch hinreißenden New Yorker Hip-Hoppern.