Am Freitag auf d’Nacht: Klaus Eckel fährt Einsersessellift

Klaus Eckel konnte während der Fahrt eine Wagner-Oper summen, drei Rosenkränze beten und die Sommerurlaube bis ins Jahr 2035 planen.
Klaus Eckel
Zwei leere Sessellifte hängen vor einem verschneiten Wald und einem kleinen Haus.

Nach einer längeren Pause war ich wieder einmal Skifahren. Aufgefallen ist mir, dass im Skigebiet so ziemlich alles aufs Gaspedal gestiegen ist. Jet-Gondeln, Express-Lifte, rasende Pistenraupen, die in Hochgeschwindigkeit die Race-Strecken für Speed-Carver glattbügeln müssen. Für den gehetzten Skifahrer gab es sogar bei einer Hütte ein „Obstler-to-go“-Angebot. Wahrscheinlich, damit er sich im Funpark vorm Schanzensprung noch schnell ein Mut-stamperl hinter die Binde kippen kann. 

Wer der Hektik des Alltags entfliehen wollte, war hier falsch. Zu meiner Überraschung entdeckte ich am zweiten Skitag, ein wenig abgelegen, einen einsamen, alten Einsersessellift. Er knarrte seit Jahrzehnten standhaft gegen den Geschwindigkeitsrausch. Dessen Fahrttempo war derart langsam, dass ich am Berg mit einem Bart ankam, obwohl ich bei der Talstation noch rasiert war. Ich konnte während der Fahrt eine Wagner-Oper summen, drei Rosenkränze beten und die Sommerurlaube bis ins Jahr 2035 planen. Das war kein Lift, das war eine Pausetaste mit Sicherheitsbügel. Außerdem lag dieser Einsersessellift derart im Abseits, dass während der gesamten Fahrt nur ein verzweifeltes Stricherl Handyempfang nervös vor sich herflackerte. Damit bist du eigentlich laut Genfer Menschenrechtskonvention ein fahrendes Folterinstrument.

Doch irgendwann verliebte ich mich in dieses hängende Entschleunigungszentrum. Dieser Einsersessellift bot mir einen Kurztrip zurück in die 80er. Ich hätte mich nicht gewundert, wenn ich während der Fahrt in meiner Jackentasche neben Schilling-Münzen ein Tamagotchi und ein Schokoriegel-Papier mit der Aufschrift „Raider“ gefunden hätte. Mittlerweile überlege ich, ein Volksbegehren zu initiieren: für ein bundesweites Artenschutzprogramm von alten Einsersesselliften. Sie bieten die beste Burn-out-Prophylaxe. Wenn das durchgeht, gibt es endlich Lifte, für die es keinen teuren Skipass braucht, sondern nur die E-Card.

Klaus Eckel ist Kabarettist und Buchautor.

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