Kolumnen
05/19/2019

Italien: Grant als Kunstform der guten Laune

"ÜberLeben": So schön waren wir schon lange nicht mehr traurig!

Ich habe kein Talent zum Gourmet. (Ich war einmal mit einer Restaurantkritikerin zusammen und war in dieser Zeit ständig in Haubenlokalen essen. Ich fand das eh nett, habe aber niemals in einem Haubenlokal etwas gegessen, das mir besser geschmeckt hätte als ein Hamburger oder eine Käsekrainer oder der falsche Hase meiner Oma.)

Obwohl ich in Rom einige gute Lokale – und sogar ein sehr gutes – kenne, gehe ich lieber nach dem Zufallsprinzip irgendwo essen und lasse mich überraschen. Dabei wurde ich fast nie enttäuscht. Gegenüber meinem Hotel in der Via Nazionale befindet sich ein sogenanntes Pub. In Wahrheit ist es eher eine Trattoria mit Bierausschank und überall hängenden Flachbildschirmen. Dort gehe ich hin, weil ich den Italienern so gern beim Fußballschauen zuschaue.

Ich habe Glück, an dem Abend spielt Juventus, und der Aufregungsgrad ist schon vor dem Spiel gigantisch. Zwei Familien werden beim Streit um einen Tisch mit Blick zu einem Bildschirm fast handgreiflich, der Wirt löst das Problem, indem er einfach den Fernseher neu platziert. Der Kellner erklärt mir, dass Juventus, obwohl aus Turin, auch in Rom populärer ist als Lazio und die Roma, weil es einfach der einzige international relevante italienische Club ist.

Das Spiel läuft nicht gut für Juventus, und das ist gut für mich. Denn nichts kann der Italiener so schön, wie dekorativ leiden. Es wird geschrien und geflucht und beinahe gestorben,  die Mimik und Gestik erinnert an die Karl-May-Spiele in Gurkenbach am Gurkenbach.

Nach dem Spiel sind alle grantig, aber, und das ist für einen gelernten Österreicher faszinierend: Niemand lässt sich vom Grant die Laune verderben. Es wird lamentiert und gejammert, und während des Jammerns werden große Mengen Essens und Trinkens inhaliert, man klopft einander auf die Schultern, als wollte man sagen: So schön waren wir schon lange nicht mehr traurig. Italien: Wo man lernen kann, den Grant zu genießen.