Kolumnen
02/16/2019

Fabelhafte Welt: Die Marotten des Anderen

Ein Rotweinglas darf nur hinter einem Rotweinglas und ein Wasserglas nur hinter einem Wasserglas stehen. Wie bitte?

Verheiratet zu sein bedeutet nicht nur, mit demjenigen nicht-verwandten Menschen leben zu dürfen, den man auf dieser Welt am liebsten mag, sondern auch mit dessen Marotten. Mein Mann hat einen Gläser-Ordnungs-Wahn. Ein Rotweinglas darf nur hinter einem Rotweinglas und ein Wasserglas nur hinter einem Wasserglas stehen. Öffnet man unseren Geschirrschrank, erblickt man eine gläserne Militärparade, als ob die Tassen exerzieren. Manchmal, wenn ich aus einem Glas trinke, meine ich sogar ein Stimmchen zu hören, das mir befiehlt: „HEBEN, AUSTRINKEN, STELLUNG BEWAHREN!“ Umgekehrt versuche ich seit einiger Zeit erfolglos, dem Dottore Amore eine meiner Marotten anzugewöhnen: Sofort nach dem Aufstehen das Bett zu machen. Zu meinem großen Entsetzen scheint ihm zu gefallen, wenn Polster und Decke in Wolkenformation zusammengewuselt verbleiben. Wie jedoch soll aus einem Tag ein guter werden, wenn nicht einmal das Bett in Ordnung ist? Umgekehrt: Hat man das Bett gemacht, hat man unmittelbar nach dem Aufstehen etwas geschafft. Dann schmeckt der Kaffee besser und das Kipferl frischer. Mein Mann jedoch beharrt darauf, dass jegliche Anstrengung vor Mittag der menschlichen Natur zuwider laufe. Ich hab ihm daher zum Valentinstag ein Buch des amerikanischen Offiziers William McRaven geschenkt. Es heißt: „Mach dein Bett!“ McRaven ist in den USA eine Legende. Unter seiner Führung wurden Osama bin Laden und Saddam Hussein aufgespürt, und laut ihm sei der Schlüssel zu jeder Art von Erfolg, sofort nach dem Aufstehen das Bett zu machen. „Wenn du die Welt verändern willst, fang mit den kleinen Sachen an“, schreibt der Offizier. Mein Mann war von diesem Buch entsetzt. „Zucht und Ordnung gehören zwar in den Glasschrank, doch nicht ins Schlafzimmer!“, sagte er. Und da wusste ich dann auch nicht mehr, was ich noch darauf entgegnen sollte.  vea.kaiser@kurier.at