Kolumnen
22.04.2018

Eine Gemeinheit

"Paaradox": Auseinandersetzung. Im Streit-Fall kann oft nur ein Satz den Unterschied ausmachen.

SIE

Die Birken blühen, allseits Allergiealarm. Sehr super, dass bei uns in der Familie keiner allergisch ist. Wobei?! Da fällt mir ein, was der Mann nebenan unlängst zu mir gesagt hat, nämlich ein in indignierte Mimik verpacktes Also echt jetzt. Du weißt doch, dass ich darauf allergisch reagiere! Damit war weder das von ihm soeben verputzte Stück vom Rind noch der dazu gereichte Rotwein gemeint, sondern eine recht spitz hingeworfene Bemerkung von mir.

Brandgefährlich

Hatte ich doch tatsächlich den berüchtigten Beziehungskiller-Satz Du benimmst dich gerade genau so wie deine Großmutter zwischen ihn und mich platziert. Der rangiert laut Liebes-Ratgeber-Literatur ex aequo mit der Bemerkung Du bist schon wie deine Mutter/dein Vater. Hochbrisant! Paartherapeuten kräuseln besorgt die Stirn und bekommen nervöse Flecken am Hals, wenn sie in ihren PaartherapeutInnen-Stunden davon hören. Sie sagen dann im typischen PaartherapeutInnen-Ton: Ich möchte Ihnen schon sagen, dass das ein Schlag unter die Gürtellinie ist? Ich höre das Paartherapeutinnen-Über-Ich extraempathisch raunen: Ehrlich, Frau Kuhn, wie würden Sie sich damit fühlen? Pech: Der Frau Kuhn ist das wurscht bis sehr wurscht. Die findet nämlich, dass mitunter sein muss, was sein muss. Etwa ein gut platzierter tiefer Haken mit anschließendem Clinch. Herrlich reinigend. Und erst die Versöhnung danach – auch nicht von schlechten Großeltern. Denn wie heißt es so schön? „Der Zank in der Ehe ist die Schneedecke, unter der sich die Liebe warm hält“ ( Jean Paul).
So betrachtet, sind wir fast schon ein bisserl Pasterze.

Paaradox-Lesung: 8. 5. Perchtoldsdorf
facebook.com/GabrieleKuhn60

ER

Das hat man am Ende davon. Man erzählt ein paar großmütterliche Schnurren, die den Tatbestand der sonderbaren Bockigkeit dokumentieren, schon wird man verlässlich bei jedem kleinsten Anflug trotzigen Widerstands damit konfrontiert. Einerlei, ob die  Ereignisse Jahrzehnte zurückliegen, zur tückischen Spitze im verschärften Diskurs sind sie stets gut genug. Ich kontere anlässlich solcher Bosheit freilich mit dem mildesten Lächeln, das man ohne Schauspielschule hinbekommt, um gnä Kuhn die völlige Wirkungslosigkeit ihrer Offensive zu offenbaren. Wir sind allerdings zu lange verheiratet, um im Fall emotionaler Gratwanderungen ein Tarnen & Täuschen zu vollbringen. Zumal ich mich tatsächlich immer an Kurt Tucholskys Worte erinnere: „Streitende sollten wissen, dass nie einer ganz recht hat und der andere ganz unrecht.“

Gemeinheiten

In diesem Sinne ist es auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzung wichtig, auch selbst den einen oder anderen Satz
parat zu haben, der verlässlich sticht, quasi ein Treffass im Ärmel. Denn bekanntlich ist das Öffnen der Ventile essenzieller als jede Selbstreflexion (für die gibt’s  später auf dem Trampelpfad des Einlenkens eh noch Gelegenheit genug). Natürlich passieren die kleinen Gemeinheiten intuitiv, ich habe jedoch überlegt, ob ich eine Art Liebling  des Attacken-Wesens definieren kann. Und in der Tat, kaum etwas besitzt für die Liebste eine höhere Eskalationsgarantie als mein „So traurig ... hörst du dir eigentlich gelegentlich selbst zu, wenn du redest?“  Ich nenne das gerne meinen Zehn-Tulpen-Satz. Weniger sollten es im Augenblick der Versöhnung nicht sein.

Solo „Abend mit einem Mannsbild“: 9. 5. Langenlois, 29. 5. Baden, 8. 6. Guntramsdorf, 14. 6. Wien (Studio Akzent)
michael.hufnaglfacebook.com/michael.hufnagl.9