Kolumnen
16.09.2018

Der ungewöhnliche Derby-Debütant

Für einen Derby-Debütanten wär's ein Indiz für gute Arbeit, würde er in den 90 Minuten kaum auffallen.

Premieren in Hütteldorf. Für das erste Zusammentreffen zwischen Rapid und Austria in der neuen Zwölferliga engagiert der TV-Exklusivrechteinhaber Sky mit Lothar Matthäus und Hans Krankl die namhaftesten aller Ex-Rapid-Trainer als Honoraranalytiker. Für einen Derby-Debütanten auf dem Feld wär’s ein Indiz für gute Arbeit, würde er den beiden Promis in den 90 Minuten kaum auffallen.

Die Rede ist vom Schiedsrichter. Julian Weinberger, 33, pfeift erstmals den Wiener Schlager, wofür er 1350 Euro brutto erhält. Vor drei Wochen war diese Summe eher Schmerzensgeld. Als Weinberger in Minute 24 des Spiels Hartberg – LASK (0:1) vom brasilianischen LASK-Stürmer João Victor versehentlich aus nächster Nähe k.o.geschossen wurde.

Weinberger musste sein Pfeiferl dem vierten Offiziellen überlassen. Musste ins Krankenhaus, wo man eine Gehirnerschütterung und eine Prellung des Augapfels diagnostizierte.

Inzwischen fühlt sich Julian Weinberger, der erst zu Jahresbeginn zum FIFA-Schiedsrichter befördert wurde, wieder topfit. Er trainiert, unterstützt von seinem staatlichen Arbeitgeber, täglich professionell.

Weder die Erinnerung an Hartberg noch die Gedanken ans Derby bereiten ihm Kopfschmerzen. Sehr zur Freude von ORF-Regelkundler Thomas Steiner. Der ehemalige bei Kickern beliebte Liga-Referee und nunmehrige Schiedsrichter-Besetzungsreferent hält viel von Weinberger. Zumal sich der in die Lage der Spieler hineinversetzen kann. Eine Eigenschaft, die selbst internationalen Top-Referees selten nachgesagt wird. Die werden zwar immer athletischer, hätten aber Mühe, einen Möbelwagen aus zehn Metern Entfernung zu treffen.

Wie der inzwischen optisch etwas barock gewordene Ex-Admiraner und Ex-Schiedsrichter Steiner (der als Pressballkönig beim Seniorenkickerl jeden Mittwoch das einstige, ebenfalls runderneuerte Austria-Ballgenie Felix Gasselich nervt) hatte es auch der 22 Jahre jüngere Weinberger zum Nachwuchs-Auswahlspieler gebracht. „In einer Elf mit René Gartler und Thomas Prager. Die hatten mehr Talent als ich“

Gartler, 32, ist in St. Pölten immer noch für Bundesliga-Tore gut. Den 14-fachen Nationalspieler Prager, 33, kann man im St. Pöltner Umland indes nur noch auf einer kleineren Bühne sehen – beim SV Würmla in der fünften Leistungsstufe.

Zum Glück spielte Weinberger nur beim FavAC und in der Jugendmannschaft von Ankerbrot. Und nie bei Rapid und Austria, womit grüne und violette Verschwörungstheoretiker nicht schon vor Anpfiff rot zu sehen brauchen.

Dem Image des Wiener Fußballs täte es gut, wenn Weinbergers (heute in Regimentsstärke präsenten) Berufskollegen nach dem 327. Derby ausnahmsweise keine Überstunden machen müssten.

Julian Weinberger ist hauptamtlich Polizist.wolfgang.winheim