Kolumnen
07/26/2019

Der Chaosplatz

Die Autobahn über den Karlsplatz ist seit Jahrzehnten ein Ärgernis. Und stadtplanerisch ziemlich retro

von Barbara Mader

Diese Woche hat die Vorortelinie S 45 ihren Betrieb ab Hütteldorf wieder aufgenommen und ist jetzt erneut Alternative zur U4. Das ist schön, aber auch irgendwie schade, denn die Ausweichroute erforderte ein Umsteigen bei der Längenfeldgasse, was kindischen Gemütern wie jenen des Redaktionskomitees der Wiener Ansichten große Freude bereitete. Ja, Sie lesen richtig. Es ist nämlich sehr aufregend, dass die U4 bei der Längenfeldgasse im Zuge des Baustellenprovisoriums die Türen auf beiden Seiten öffnet und das Aussteigen in beide Richtungen ermöglicht. Die U-Bahn-Fahrer sagen dann gerne etwas auf Englisch,was mitten in Meidling sehr kosmopolitisch wirkt, denn die Mitarbeiter der Wiener Linien sprechen besser Englisch als jedes französische Staatsoberhaupt.

Nicht so toll war die Sache mit dem Schienenersatzverkehr und seiner Ausstiegsstelle am Karlsplatz. Sie erinnerte daran, wie klein und verloren man sich hier als Fußgänger fühlt. Otto Wagner hatte nicht recht, als er sagte, der Karlsplatz sei kein Platz, sondern eine Gegend. Der Karlsplatz ist weder Platz noch Gegend, er ist Autobahn. Das ist der stadtplanerischen Wahnsinnszeit nach dem Zweiten Weltkrieg geschuldet, als man eine möglichst autogerechte Stadt bauen wollte. Damals wurde auch die Wiental-Autobahn diskutiert, die uns glücklicherweise erspart geblieben ist. Dennoch hat der Karlsplatz selbst mit seinen vielen, mehrspurigen Zufahrten die Anmutung einer Autobahn, auf der motorisierter Individualverkehr alles und der Fußgänger nichts ist. Der KURIER nannte ihn 1977 „Chaosplatz“. Das ist, wie alles, das im KURIER steht, völlig richtig. Der Chaosplatz hat etliche Architekturwettbewerbe hinter sich. Außer Fleckerlteppichlösungen ist nicht viel passiert. Es wäre zu schön gewesen, wenn man sich im Zuge des Umbaus von Wien Museum und Künstlerhaus für ein stimmiges Gesamtkonzept entschieden hätte.

Das Ganze hat auch etwas Positives: Die Blumeninseln zwischen den zum Rasen einladenden Fahrstreifen sind schön. Man hat als wartender Fußgänger lange Zeit, sie zu betrachten.

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