Kolumnen 10.06.2018

Das National-Team oder der National-Thiem?

Das Wiener Fußball-Ländermatch Österreich gegen Brasilien, oder doch das Tennis-Finale mit Dominic Thiem?

Sportbegeisterte Väter haben am Vatertag die Qual der Wahl. Zwischen dem Wiener Fußball-Ländermatch in ORFeins und dem Pariser Tennis-Finale mit Dominic Thiem in ORF 2.

Als eine brasilianische Nationalelf erstmals in Wien gastierte, gab es weder so hoch dotierte Turniere mit Tennis-Millionären geschweige denn mehrere TV-Programme.

Damals, im 56er-Jahr, besaßen außer Radiohändlern nur ein paar Neureiche einen Fernsehapparat. Vor klobigen Schwarz-Weiß-Geräten versammelte man sich beim kollektiven Fußballschauen in bummvollen Wohnzimmern, als Brasilianer und Österreicher im Praterstadion einliefen.

Brasilien siegte 3:2. Obwohl gleich fünf Tore der Südamerikaner wegen Abseits aberkannt worden waren. Doch Brasilien-Matches gingen auch aus anderem Grund in die ÖFB- Historie ein. Oder wussten Sie,

... dass dieses erste von bisher sieben ausnahmslos sieglosen Länderspielen gegen Brasilien zugleich das erste Fußballmatch war, das in Österreich 90 Minuten live auf Bildschirmen zu sehen war?

Und dass Österreichs letztes Bewerbsspiel gegen Brasilien auf den heutigen Tag genau vor 40 Jahren das WM-Out für Spanien bedeutete?

Was Sie sicher nicht wissen, weil es stets geheim blieb: dass der damalige Teamchef Helmut Senekowitsch eine Woche vor Córdoba eine (zu dieser Zeit noch erlaubte) „positive Bestechung“ nicht zugelassen hatte.

Abgeblitzt

Ein des Spanischen mächtiger Wiener Mittelsmann war in Buenos Aires bereits mit dem Geldkoffer unterwegs. Die Spanier mussten vor den letzten Gruppenspielen auf österreichische Schützenhilfe hoffen. Doch die blieb aus.

Für die Spanier sollte die WM 78 schon nach der Gruppenphase zu Ende sein, weil Fixaufsteiger Österreich gegen Brasilien 0:1 verlor. Das Match war grausam langsam. Was weniger an der Lethargie von Herbert Prohaska und Co. als am desolaten Spielfeld lag. Zeitweise flogen im argentinischen Mar del Plata die Rasenstücke höher als der Ball.

Heute im Prater wird sich weder Neymar noch David Alaba über das Geläuf beklagen. Das gepflegte Spielfeld im Happel-Stadion ist aber auch schon alles, was den hohen internationalen Stadion-Ansprüchen noch genügt. Weshalb es durchaus sein könnte, dass das Ländermatch das für lange Zeit letzte im Prater sein wird.

Abmontiert

Selbst die zweite (schon bei der EM 2008 Pflicht gewesene) Video-Wall ließ die für das Stadion oberverantwortliche Topbeamtin Sandra Hofmann längst abmontieren. Der bei Fußballfunktionären mäßig beliebten, kompromisslosen Juristin wird sogar von Parteifreunden nachgesagt, dass sie wie das Happel-Stadion unter Denkmalschutz stehe.

So populistisch laut der Ruf nach einem Stadion-Neubau wird, so schwer ist das Argument zu entkräften, wonach es wichtiger sei, in Schulen, Kranken- und Pflegeheime als in eine Arena zu investieren, die für maximal fünf Länderspiele im Jahr gebraucht wird.

Nur: Mit jenen Hunderten Steuermillionen, die bei diversen Fehlspekulationen (Franken-Kredit, Krankenhaus Nord usw.) verludert wurden, hätte die Gemeinde Wien den schönsten, multifunktionalen Sporttempel der Welt entstehen lassen können. wolfgang.winheim

( kurier.at ) Erstellt am 10.06.2018