Chaos de Luxe: Daddy cool

Polly Adler über Pragmatismus gegen die eigene Vergänglichkeit.
Polly Adler

Polly Adler

Kürzlich wurde mein Vater 80, was mir insofern zu denken gab, als ich zeitlebens daran gewöhnt war, blutjunge Eltern zu haben. Meine Mutter war 19, als ich mich auf meinen ersten Roadtrip begab. Ich war ein Partyunfall. Damals plauderte man auf Sausen noch nicht über Histaminallergien, sondern ließ es zu „Canned Heat“ hormonell krachen. Danke, Sixties.

Mein Vater ist von Herzen Mathematiker, er dröselt die Welt gerne in mathematische Zeichen auf. „Wenn dieser Achter purzelt und dann flach liegt, ist er doch das Zeichen für die Unendlichkeit“, sprach er sich selbst und uns Trost zu. Als ich meine Geburtstagswünsche telefonisch durchgab, waren meine Eltern gerade im Spaziermodus. Ich fragte sie, wie sie den Tag verbringen werden. Meine Mutter, immer das Kommunikationsministerium, keuchte ins Telefon: „Es kann ja jetzt gut sein, dass der Papa früher als ich stirbt, und wir verbringen den Nachmittag damit, dass er mir sämtliche Fonds und Polizzen erklärt. Ich bin ja sonst völlig ahnungslos.“ Meine Mutter ist gerade einmal zwei Jahre jünger, aber ich fand diese pragmatische Form der Rebellion gegen die eigene Vergänglichkeit durchaus erfrischend.

Bei einer späteren Jause (als Geschenk bringt man heutzutage negative Testergebnisse) wünschte ich mir von meinem Vater etwas mehr Kommunikationsverve, er hat ungefähr acht Zeitungen und Magazine abonniert, hinter denen er sich gern versteckt. Er erklärte mir, dass er bis zu seinem siebenten Lebensjahr sehr extrovertiert gewesen sei, bis eine Lehrerin mit dem Vornamen Elfriede ihm seine Freude an seiner Eloquenz raubte, indem sie ihm und seiner Plauderbegabung den Mund mit einem kreuzweisen Pflaster verklebte. Seine spätere Frau, meine Mutter, heißt auch Elfriede. Perfider Zufall. Ich sagte: „Und jetzt die gute Nachricht, Papa: Es ist nie zu spät, um sich von einer traumatisierenden Kindheit zu erholen.“

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