Ein Zauberberg für Kassenpatienten

Das Szenario erinnert an Thomas Mann. Nur dass wir nicht in Davos, sondern im Wienerwald sind.
Wolfgang Kralicek

Wolfgang Kralicek

Der Chef ist noch immer auf Kur, aber er hat einem befreundeten Stammgast einen Brief geschrieben und ihn vorsorglich vom Briefgeheimnis entbunden. Das heißt: Der Brief darf im Café laut vorgelesen werden (der Chef weiß ja, wie neugierig seine Gäste sind). Also:

"Äußerlich sieht die Kuranstalt wie ein Grandhotel aus der Jahrhundertwende aus. Ein riesiger, prachtvoller Bau, davor ein gepflegter Park mit Teich, dahinter ein Wäldchen für kleine Wanderungen. Ursprünglich war das hier eine Lungenheilanstalt, und ein bisschen erinnert das Szenario auch an Thomas Manns ‚Zauberberg‘. Nur dass wir nicht in Davos, sondern im Wienerwald sind und dass im Speisesaal keine philosophierenden Italiener oder geheimnisvollen Russinnen am Tisch sitzen, sondern adipöse Kassenpatienten aus Simmering und Kapfenberg, Neunkirchen oder dem Mühlviertel.

Das Interieur und die Zimmer sind einem Krankenhaus deutlich näher als einem Grandhotel. Es gibt weder Zimmerservice noch Minibar (Alkohol ist ohnedies streng verboten), und um 17 Uhr wird nicht zum Fünfuhrtee gebeten, sondern zum Abendessen.

Immerhin gibt es – stell dir vor! – so etwas wie ein Café, das sogenannte Buffet. Ein kleiner Raum mit drei, vier Tischen und einer Vitrine, in der tatsächlich Nusskipferln und Punschkrapferln (!) liegen. Auch Mannerschnitten und Chips sind im Angebot. Ich vermute, das Buffet ist eine Art Trainingsgelände, in dem die Patientinnen und Patienten sich darin üben können, den Versuchungen der Außenwelt zu widerstehen. Ich bin jedenfalls jeden Tag einmal da, trinke tollkühn eine Melange und fühle mich unverwundbar.

Lass die Stammgäste schön grüßen, bis bald."

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