Lektion 31: Ein Leben wie im Roman
Letzte Woche ist es wieder passiert – beim Blick auf den Holztisch im nordenglischen Haworth, an dem die Brontë-Schwestern Charlotte, Emily und Anne ihre Romane verfassten. Etwas Ungreifbares, vielleicht die Wuchtigkeit des Tisches, der den Raum nahezu ausfüllte, oder die Anekdote, dass die drei ihn allabendlich umkreisten, um ihr Werk zu besprechen, löste es aus. Wie ein Windstoß aus dem Moor schwappte eine seltsam melancholische Emotion heran und mit einem Mal war es kaum zu fassen, dass man auf denselben Dielen wie die Autorinnen stand.
Wackelige Knie
Ist es eine Altersfrage? Oder ist es als Anglistin die thematische Neigung? Das erste Mal passierte es im Sommer 2021. Auf dem Heimweg von der Schule war die Autobahn gesperrt. Es ging über gewundene Landstraßen nach Hause – vorbei am Cottage, in dem Jane Austen ihre Romane schrieb. Beim Überschreiten der Hausschwelle, hinein ins Refugium der Autorin, das die Zwanziger-Jahre dieser Kolumnistin wie keine andere geprägt hatte, kam ein Gefühlsschwall, der die Knie wackeln ließ.
Es muss die Kombination sein: England verlegt nicht nur mehr Bücher pro Kopf als jedes andere Land, die Romane sind markant mit realen Orten verankert: Cornwall gehört der Romantik von Rosamunde Pilcher und der Gänsehaut von Daphne du Maurier, Oxford ist auch Brideshead Revisited, die Bauernhofruine Top Withens das echte Wuthering Heights. Die Landschaft ist weniger Ort der Handlung als ein Charakter, der sich den Protagonisten mal sanft, mal hindernd in den Weg stellt.
Beim ersten Mal war der Gefühlsschwall noch unangenehm, doch nun, in Haworth, fast schon ein lieb gewonnener Freund. Auch das kommt aus dem Romanland England: die Erlaubnis, Gefühle nicht verstecken zu müssen.
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