Kolumnen
09/21/2019

30. Geburtstag: Auf 465 Metern Seehöhe ohne Sauerstoffmaske

"ÜberLeben": Die FREIZEIT ist 30. Und schon mit 30 endet schließlich die Pubertät.

von Guido Tartarotti

Am Tag, als ich 30 Jahre alt wurde, sagte ich nach dem Erwachen zu meiner Freundin: Heute schaut der Tod ums Eck. (In Wahrheit sagte ich das sogar schon an meinem 20. Geburtstag. Aber das kann ich vor Ihnen nicht zugeben. Soviel eitel zur Schau gestellter dekorativer Weltschmerz ist sogar mir peinlich.)

Früher sagte man: Mit 30 beginnt das Altwerden. Aber das war einmal. Heute gilt: 30 ist das neue 20, 40 ist das neue 30, 60 ist das neue 50, 90 ist das neue 80, tot ist das neue 90 … Hurra, wir leben ewig!

In Wahrheit ist es so: Mit 30 endet die Pubertät (mit Mitte 40 beginnt sie wieder). Viele ziehen mit 30 bei den Eltern aus (und werden dann oft sofort ebenfalls Eltern), verdienen das erste eigene Geld, kochen sich zum ersten Mal selbst eine eigene Mahlzeit (= schütten heißes Wasser über ein Instant-Nudelgericht), machen sich zum ersten Mal selbst das Bett, mit einem Wort: entwickeln Verantwortung. 

Ich bin jetzt zwar auch schon einundzwanzigunddreißig Jahre alt, aber ich kann mich noch gut an meinen 30. Geburtstag erinnern.

Damals gab es im Freundeskreis eine 30er-Party nach der anderen. Viele Freunde gaben sich Mühe, mit ihren Partys ihrem Mut zum Erwachsenwerden Ausdruck zu verleihen. Die Tendenz ging stark zu mehrgängigen Themen-Menüs in Tullnerfelder- oder Neusiedlersee-nahen Haubenrestaurants mit Anzugzwang und Jahrgangs-Chutney-Verkostung. Die eine oder andere Edelessig-Degustation war auch dabei.

Manche baten zu rechtsdrehenden Yoga-Ayurveda-Wellnesswochenenden in die Südsteiermark oder zu schamanistischen Tantra-Töpferei-Seminaren ins Waldviertel. Einer hatte sich einen von einem ukrainischen Designerteam formschön verwüsteten Vierkanthof im Marchfeld gekauft und bat zur Ausmal-Party, energetisch begleitet von drei stockbetrunkenen mexikanischen Medizinmännern.

Bon-Jovi-Karaoke

Als dann einer meiner Freunde auf diesen Wettbewerb der Feierlichkeits-Wichtigtuerei pfiff und seinen 30er bei einem Besäufnis in einer burgenländischen Landdisco beim Bon-Jovi-Karaoke feierte, waren wir alle erleichtert. Die Aller-coolsten waren am allerbesoffensten und meinten dann, soviel Understatement sei in Wahrheit die edelste Form des Feierns von allen.

Meine Feier zum 30. Geburtstag fand in einer Almhütte auf 465 Metern Seehöhe statt, und zwar ohne Sauerstoffmasken. Es gab eine Butterbrot-Blindverkostung, ein Gast hielt einen Vortrag über Mondphasen-Nasenhaarschnitt, und ich bekam eine Jahrespackung handgeknüpfter tibetanischer Zahnseide. Mein bester Freund schenkte mir eine Gitarre, die Gäste der Party baten mich, spontan ein Lied darauf zu spielen und meinten anschließend, so eine Gitarre sei ja auch ein sehr schöner Raumschmuck.

Am nächsten Tag, es war der Tag, an dem ich 30 wurde, hatte ich  Kopfweh und sagte zu meiner Freundin, heute schaue der Tod ums Eck und ließe sich nur noch durch eine dreifache Dosis Aspirin abwenden. Meine Freundin war gerade dabei, die Zahnseide zu entsorgen und meinte, ich solle mir das Aspirin doch selber holen. Schließlich sei ich ja jetzt erwachsen.
 

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