"10er"-Übung in der Bibliothek

© Heinz Wagner

Kiku
01/22/2019

Wer sich bewegt, kann auch viel besser lernen

Lokalaugenschein in einer Wiener HAK, wo Jugendliche in einer Klasse radeln, kurze Übungen Stunden auflockern und vieles mehr. Nun auch mit SchauTV-Beitrag.

von Heinz Wagner

Ernetta Zukaj, Jennifer Džajić, Ahmad Adelyar, Salih Vural und Avdo Isić aus der 3b der Handelsschule in der Pernerstorfergasse (Wien-Favoriten) tauschen während des Lokalaugenscheins von Kinder-KURIER und SchauTV (sobald der Beitrag on Air geht, wird er in diesen Artikel eingebunden) in der ANWAR-Stunde (Angewandte Naturwissenschaften und Warenkunde) ihre Plätze in den Sitzreihen mit den fünf auf den Ergometern an der Rückwand. Sie klappen die Halterungen nach oben und legen ihre Schulbücher drauf. So werden sie die folgende Stunde nicht nur lernen, sondern auch fleißig treten.

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„Für mich ist es viel angenehmer als am Sessel zu sitzen“, schildert Ernetta Zukaj dem Kinder-KURIER und SchauTV, die an diesem Vormittag Mitte Jänner der Schule einen Besuch abstatten. Auf die Frage, warum dies angenehmer sei, meint die Schülerin: „Weil ich mich dabei bewegen und so besser konzentrieren kann.“
„Aber lenkt das nicht ab, ist es nicht schwieriger, sich auf beides – das Lernen und die Bewegung zu konzentrieren?“, fragen wir nach.
„Die Füße fahren automatisch weiter und ich kann mich dann mehr auf das Buch konzentrieren. Beim Sitzen am Sessel können sich die Gedanken viel leichter verlieren, durch das Radfahren geht das Konzentrieren viel lockerer.“
Am anderen Ende der 5er-„Kette“ erzählt Avdo Isić den Reportern, dass er drei bis vier Mal in der Woche Schulstunden am Ergometer verbringt, „das ist normaler Unterricht, nur ich sitz halt woanders“. Streit, wer dann in den Genuss des radelnden Lernens kommen darf, gebe es keinen. „Es gibt einen Plan, wer wann drankommt, und es wollen eh nicht immer alle.“

Mitschreiben – mit der Hand – gehe ganz gut, erklärt noch die Erstgenannte, Laptop eigne sich nicht „außer es wäre ein Tablet“.

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Fenster auf

Beim Lokalaugenschein in dieser Klasse fällt auch noch gleich ein kleines Messgerät neben der Tür auf. Es misst den CO2-Gehalt (Kohlendioxid) in der Luft. Ist zu wenig Sauerstoff im Raum, leuchtet ein gelbes Lämpchen auf, bei noch weniger ein rotes. „Und wenn’s zu lang rot ist, beginnt’s auch zu piepsen“, erzählen uns die Jugendlichen. So lange wartet Rabia nicht, schon knapp nachdem es rot zu leuchten beginnt, reißt sie das erste Fenster bei der Tafel auf und anschließend öffnet sie die Klassenzimmertür – es soll mal ordentlich durchziehen. Andere Kolleg_innen öffnen auch noch die anderen Fenster – bis die Anzeige grün zeigt. Solche Messgeräte hängen in jedem Klassenzimmer – damit immer ausreichend gelüftet wird und genug Sauerstoff im Raum ist, was sowohl Müdigkeit verringert als auch die Konzentrationsfähigkeit erhöht.

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Vital 4 Brain

Während die Ergometer aber nur in einer Klasse stehen, kann sich jede und jeder im Schulhof an dort seit einigen Monaten aufgestellten robuste Fitnessgeräten Arm-, Bein-, Rücken- oder Bauchmuskeln stärken. Beim Lokalaugenschein von Kinder-KURIER und SchauTV führen Jugendliche der 4ASp die Funktionsweise dieser Geräte vor. Diese Schüler_innen besuchen die Abschlussklasse des Leistungssportzweiges der Handelsschule. So manche der Jugendlichen nehmen schon in der aktiven Schulzeit bei Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften teil. Die Palette der Sportarten reicht von Schwimmen über Fuß- und Handball bis zu Boxen und Dressurreiten – siehe auch YouTube-Video (Link ganz unten).

Darüber hinaus gibt es in jeder Klasse zwei Schüler_innen, die als Peers in sogenannten Vital4Brain-Übungen ausgebildet sind. Diese kleine, kurzen, knackigen Bewegungsübungen dienen einerseits zur Auflockerung, andererseits vor allem auch dazu, linke und rechte Gehirnhälfte zu verknüpfen. In der Übungsfirma stoßen wir dazu als Christopher Büchler (4ad) und Philipp Wagner (5bk), die hier die Vorturner sind, zur Bewegungs-Pause bitten und Übungen vorzeigen. „Wir haben ein zweitägiges Seminar gemacht, wo wir die Methode und Übungen gelernt haben, aber wir können uns auch immer wieder kreativ neue Übungen einfallen lassen. „Da geht’s um ungefähr fünf Minuten, nach denen die meisten wieder ganz frisch, munter und aktiviert werden.“

Solche Übungen können von jeder Schülerin und jedem Schüler ausgelöst werden. Sobald irgendwem auffällt, dass alle abgeschlafft sind, nix mehr geht, oder sich wer sehr gestresst fühlt, kann eine/r anregen, dass es Zeit für vital4Brain-Übungen wäre und das ausgebildete Duo beginnt vorzu„turnen“, schildert Pashtana Wardak dem Reporterduo wie’s zu den Bewegungseinheiten kommt, die im Schnitt gut einmal am Schultag stattfinden.

Ihre Klassenkollegin Julia Zuba beschreibt die anschließende Wirkung: „Durch diese Übungen zirkuliert das Blut wieder besser im ganzen Körper, du kannst dich besser konzentrieren und merkst wieder mehr vom Unterricht.“ Das beherzige sie auch zu Hause: „Ja, natürlich, wenn ich durchgehend lerne, weil am nächsten Tag eine Schularbeit ist, dann steh ich dazwischen auf, weil es wichtig ist, sich dazwischen zu bewegen.“

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"10er"-Übung

Die vielfältigsten, unterschiedlichen Gelegenheiten zur Bewegung – über Turnstunden, Sportwochen und Skikurse hinaus – für die auch eine Kraftkammer und ein Kletterraum zur Verfügung stehen, haben auch zu einem bewegten Markenzeichen der HAK X geführt, den „10er-Übungen“. Zu den vier Zeilen „HAK/HASch/AuL (Aufbaulehrgang)/sind nicht faul/Körper streckt/Hurra, perfekt!“ steigen Gruppenübungen, im Hof, in der Bibliothek, beim Skikurs am Rande einer Piste usw.

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Virtuelles Bewegungsspiel

Für KiKu und SchauTV zeigen Dutzende Jugendliche die „10er-Übung“ in der Bibliothek vor. Ein Duo führt dann noch eine ganz andere Art der Bewegungsübung vor, bei der Philipp Wagner und Mateja Lastro (beide 5bk) körperlich eher „nur“ ruhig standen. Vor den Augen hatten sie jeweils eine fette VR-Brille. Damit tauchten sie in ein Spiel namens Piñata ein. Original-Piñatas sind ein mittelamerikanischer Kinder-Geburtstagsbrauch. Heute sind sie in der Regel aus Pappmaché, früher aus mit buntem Papier umwickelte Tontöpfe, die von der Decke hängen. Mit verbundenen Augen zerschlagen die Kinder das Teil, in dem Süßigkeiten, Obst oder kleine Geschenke versteckt sind. Hier „fuchteln“ nun die beiden Jugendlichen mit einem kleinen Controller, um in diesem Spiel, in dem sie durch die VR-Brille mitten im Spielfeld stehen und sich virtuell bewegen, die Piñata treffen und die rausfallenden „Cyber“-Zuckerln aufsammeln.

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Neuer Ausbildungsschwerpunkt

Der Gedanke, Lernen und Bewegung häufig zu verknüpfen, angereichert um Wissen rund um die Ernährung ist der Kern eines neuen Zweiges in dieser Favoritner wirtschaftlichen Schule: „Gesundheit, Bewegung und Ernährung“ heißt dieser Ausbildungsschwerpunkt von der 3. bis zur 5. HAK-Klasse (jeweils zwei Wochenstunden). Nicole Neuhold und Liljana Gavrilović erzählen Kinder-KURIER und SchauTV davon. „Es geht hauptsächlich um die Work-Life-Balance, die Ausgewogenheit zwischen der Arbeit und dem privaten Leben zu finden. Dazu haben wir Module und verschiedene Schwerpunkte, im vorigen Jahr zum Beispiel über betriebliche Gesundheitsförderung. Da haben wir uns Unternehmen genau angeschaut und analysiert, was sie machen, damit es den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gesundheitlich gut geht.“

Auf die Nachfrage, was dies konkret bedeutet, meinten die beiden: „Dass darauf geachtet wird, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Pausen einhalten, wer krank ist auch wirklich in den Krankenstand geht und dafür danach wieder gesund die volle Arbeitsleistung bringen kann.“ Auf solche Dinge würden die beiden – und ihre Klassenkolleg_innen – auch künftig bei der eigenen Job-Wahl auch schauen.

Wieweit aber ist dies jetzt, während der Schulzeit für sie selber möglich ist, wollen wir noch wissen. Schulen wie eine HAK haben einen Stundenplan, der an eine Vollzeit-Arbeitswoche herankommt. Darüber hinaus gilt es, zusätzlich Hausübungen zu machen, obendrein ist für Schularbeiten und Tests noch so manches zu lernen.
„Schwer, aber machbar“, meint Nicole Neuhold. „Man muss einfach abschalten und dann kann man nachher auch wieder besser weiter lernen“, ergänzt Liljana Gavrilović. „Man kann sich vielleicht auch für die Pausen beim Lernen einen Plan erstellen“, schlägt die Erstgenannte vor, die als Ausgleich fürs viele Sitzen beim Lernen zwei Mal in der Woche Balletttanzen geht.

Ihre Kollegin hat mit Beginn des Ausbildungsschwerpunkts ihre zuvor stillgelegte sportliche Betätigung nun wieder aufgenommen.

Dieser Zweig eröffne den Jugendlichen, die ihn absolvieren aber auch tolle Jobperspektiven, sagt Nicole Neuhold. „Es ist eine aufstrebende Branche, immer mehr Menschen achten auf ihre Gesundheit, wie sie sich ernähren, somit ist das für uns eine Chance am Arbeitsmarkt.“

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Schulsport-Gütesiegel in Gold

Jörg Hopfgartner, vorher Lehrer hier, ist nun seit einigen Jahren Direktor uns sagt dem KiKu und SchauTV zu dem Bewegungs-Schwerpunkt dieser Schule: „Sport und Bewegung ist uns schon seit vielen Jahren ein Anliegen. Wir haben nicht nur die Handelsschule für Leistungssport (seit 1999), sondern in all unseren vielfältigen Schulformen ist uns dieses Thema immer ein großes Anliegen. Erstens ist es für gesunde Menschen ein wichtiges Asset. Ein erfolgreiches Leben und ein erfolgreicher Beruf brauchen Gesundheit, brauchen Bewegung. Wir haben 1000 Menschen in der Tagesschule, 500 am Abend. In der Abendschule gibt es zwar laut Lehrplan nicht einmal Turnunterricht, aber jedenfalls haben wir auch dort Vital4Brain eingebaut und wir planen auch ein Sport-Turnier. Bewegung ist ganz etwas Wichtiges für die Jugend – daher auch die vielfältigen Methoden dazu.

Wie kam diese Erkenntnis?
Direktor: Ich denke, jeder bewegt sich gerne, jeder hat positive Erfahrungen. Aufgrund des positiven Feedbacks der Schülerinnen und Schüler haben wir uns sehr stark weiterentwickelt. Wir haben jetzt erstmals das Schulsport-Gütesiegel in Gold (da wird auch bewertet, was neben und über den Turnunterricht hinaus an Bewegung und Sport passiert von bewegter Pause bis zu Skikursen und Sportwochen) erhalten. Gekommen ist alles aber in Wirklichkeit durch die Freude der Schülerinnen und Schüler.

Gab’s anfangs vielleicht Skepsis von Lehrkräften, dass sie durch die Vital 4 Brain-Übungen in der Stunde Unterrichtszeit verlieren könnten?
Ich glaube die positive Motivation, Best Practice-Beispiele und Freiwilligkeit sind hier das Thema. Sport und Bewegung kann man niemandem verordnen. Vital4Brain-Übungen haben wir schon bei Konferenzen gemacht und auch mit dem richtigen Augenzwinkern eingeführt. Daher ist es eine Sache des Ausprobierens, der Neugier und nicht des Widerstandes.

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Fotos von der bewegten Wiener HAK/HAsch

Hinter den Bankreihen stehen fünf "Zimmer-Fahrräder"

Die radelnde Ernetta Zukaj im Interview...

... und ihr Kollege Avdo Isić

Wenn's rot ...

... leuchtet ...

... heißt's: Fenster auf...

...

...

robuste ...

... Fitnessgeräte ...

... im Hof ...

... der Schule

Mateja Lastro und Philipp Wagner ...

... mit VR-Brillen vor den Augen ...

... koordinieren vor allem Hand- und Augenbewegungen ...

... auf der Jagd nach virtuellen Zuckerln

... danach erzählt Mateja Lastro über ihre Erfahrungen mit dem VR-Bewegungsspiel

DAS bewegte Markenzeichen ...

... der Handels-Akademie und -schule in der Wiener pernerstorfergasse sind die ...

..."10er-Übungen"

Immer wenn's notwendig ist ...

... finden mitten in Unterrichtsstunden ...

... kleine, kurze Auflockerungs-Übungen statt, ...

... hier angeleitet von Christopher Büchler (4ad) und Philipp Wagner (5bk) ...

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... Julia Zuba und ...

... Pashtana Wardak sowie ...

... Christopher Büchler (4ad) und Philipp Wagner (5bk) über die Effekte von Vital4Brain-Übungen

Liljana Gavrilović und Nicole Neuhold schildern den neuen Ausbildungsschwerpunkt

Direktor Jörg Hopfgartner ...

... vor dem Teddy-Duo ...

... StreBärin und ...

... StreBär - eben augenzwinkernd ;)

Links zu mehr Infos

BHAKwien10

Über Vital4Brain: www.simplystrong.at

Zu einem früheren KiKu-Bericht über die bewegte HAK Pernerstorfergasse (Juni 2017) geht's hier

Hier der Beitrag von SchauTV

gedreht von Ernö Mlekov

Video von Leistungssportler_innen der HASch-Abschluss-Klasse