Kiku 11.04.2018

Einmal mit und einmal ohne – Brille ;)

© Bild: Heinz Wagner

Zwei zwölfjährige Gymnasiastinnen im Gespräch mit dem Kinder-KURIER über die Kopftuch-Debatte.

Hagar und Yomna kommen am frühen Nachmittag aus ihrer Schule, dem Brigittenauer Gymnasium ( Wien). Beide besuchen dort eine zweite Klasse. Beide sind zwölf Jahre. Beide sind in Wien geboren und hier aufgewachsen. Beide glauben an Allah, wie Gott im Islam heißt – wobei er in dieser Religion noch 98 weitere Namen hat. Aufs erste unterscheiden sie sich: Hagar trägt Brille, Yomna nicht. Ach ja, erstere trägt auch Kopftuch. Wieder einmal wird über dieses Stück Stoff, das Haare bedeckt, heftig diskutiert, ja gestritten.

Was sagt ihr dazu?
Hagar erzählt, dass sie sich in den vergangenen Sommerferien aus eigenen Stücken dazu entschlossen hat, das Kopftuch zu tragen. „Das kam spontan, auf einmal hatte ich das Gefühl, ja ich will das jetzt!“

Yomna schildert: „Ich hatte es früher einmal probiert, aber ich hab mich nicht so wohl gefühlt und drum hab ich’s wieder bleiben lassen. Meine Mutter hat mich da bestärkt, die hat’s auch ausgezogen und mir gesagt, nimm es nur dann, wenn du es willst, sonst würdest du es vielleicht später sogar hassen. Ich fühl mich ehrlich gesagt noch nicht reif, es zu tragen und kann auch nicht sagen, wann das sein wird.“

„Es soll ja auch nur dann sein, wenn es von Herzen kommt, sagt unsere Religion“, wirft Hagar ein. „Und es ist ja auch keine der fünf Säulen des Islam“, ergänzt Yomna.
Die genannten fünf Säulen sind übrigens: Glaube an Allah und seinen Propheten Mohammed, das regelmäßige Beten, Fasten im Ramadan, Zakat – Spenden für arme Menschen, Hadsch - einmal im Leben eine Pilgerfahrt nach Mekka.

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Hagar und Yomna vor ihrer Schule, dem Brigittenauer Gymnasium © Bild: Heinz Wagner

"Der Start war... uff"

Der Start im Herbst war alles andere als leicht, erinnert sich Hagar. „Am Anfang war’s“ und dann kommt ein tiefes Schnaufen, „uff, es war sehr schlimm. Ich wurde rassistisch beleidigt oder sogar angespuckt. Sprüche wie „schleich dich aus Österreich“ gab es. Zwei Mal hat wer versucht, mir das Kopftuch runter zu reißen. Manche haben sogar Kopftuch-Sch... gesagt“ – Hagar wird dabei ganz, ganz leise, spricht das Schimpfwort gar nicht ganz aus. „Am Anfang war ich traurig und den ganzen Tag angefressen, dass mich Leute für fremd halten, obwohl ich hier geboren bin, hier gerne lebe und es doch nur um ein Stück Stoff geht. Heute aber lass ich das gar nicht an mich herankommen, ich ignorier’s einfach.“

Gab es da einen Trick, ein Hilfsmittel, wie du umgeschaltet hast?
„Naja, am Anfang hab ich zu denen, die mich beleidigt haben böse hingeguckt. Die haben auch noch böser zurückgeguckt, das hat sich aufgeschaukelt. Jetzt schau ich auf den Boden und hör gar nimmer hin!“

Heute berührt es dich nicht mehr?
„Naja, so ganz kann man das nicht sagen, ich hab ja auch Gefühle. Aber es gibt schon hin und wieder, zwar nicht oft, aber doch Menschen, die sich einmischen und den Beleidigern sagen, ob sie nicht still sein könnten. Das find ich sehr nett.“

Yomna ergänzt aus der Zeit, als sie fallweise Kopftuch trug „da sind auch Beschimpfungen vorgekommen. Aber wenn alle darauf hören würden, dann würde ja keine mehr an ihre Religion glauben. Wenn ich dann einmal das Kopftuch tragen will und werde, dann werde ich nicht darauf hören, was solche Menschen sagen, weil die haben ja keine Ahnung, wie ich mich fühle. Es ist aber sicher kein Grund, kein Kopftuch zu tragen.“

Wie erlebt ihr die jetzige (mediale) Diskussion?
Ob dieses Stück Stoff oder nicht, sei grundsätzlich nicht so wichtig, „du kannst genauso religiös sein, wenn du’s nicht trägst“, meinen die beiden 12-Jährigen. Wogegen sie sich aber aussprechen ist, dass Kopftuch verboten werden soll. „Okay, im Kindergarten macht’s auch keinen Sinn, eine Fünfjährige entscheidet sicher nicht vom Herzen, es tragen zu wollen. Aber wenn, wie jetzt auch vorgeschlagen wird, es in der Schule verboten würde, dann wäre es für die Integration, für das Zusammenleben schlecht. Weil so erleben andere Jugendliche Mädchen mit Kopftuch und kommen gut miteinander aus. Sie lernen Mädchen wie mich kennen“, meint Hagar. „Hier in der Schule zum Beispiel wurde ich noch nie rassistisch beleidigt. Aber wenn es da verboten wäre, würden die ja erst als Erwachsener Frauen mit Kopftuch erleben und hätten sicher mehr Vorurteile, die sie so abbauen können.“

( kurier.at , kiku-heinz ) Erstellt am 11.04.2018