"Kaisergeburt": Blick aufs Baby
Ich komme gerade von einer
Kaisergeburt“, sagt Prof. Wolfgang Henrich, Direktor der Klinik für Geburtsmedizin an der Charité in Berlin zum KURIER: „Die Eltern waren sehr, sehr glücklich.“ Kaisergeburt: So nennt Henrich die von ihm praktizierte neue Version des Kaiserschnitts, berichtet Der Spiegel.
Normalerweise sieht die Mutter dabei nicht, wie das Kind durch den eröffneten Unterbauch geholt wird: Ein steriles OP-Tuch verdeckt den Eingriff, das Kind wird den Eltern nur kurz gezeigt und gleich dem Kinderarzt übergeben. „Bei uns hebt der Anästhesist in der Sekunde des Austritts des Kindes aus dem Körper den Kopf der Mutter an“, erzählt Henrich. „Der erste Blickkontakt soll nicht zwischen Kind und Hebamme oder Kind und Geburtshelfer, sondern zwischen den Eltern und Kind erfolgen. Gegenüber einem herkömmlichen Kaiserschnitt lassen wir das Kind deutlich langsamer herausgleiten.“ Die Mutter soll dabei mitpressen.
Anschließend wird das Kind vom Vater abgenabelt und der Mutter gleich auf die Brust gelegt.
Geburtserlebnis
„Ein Kaiserschnitt kann nie etwas Natürliches sein, aber wir wollen den Eltern ein Geburtserlebnis ermöglichen – weniger anonym, weniger von Apparaten bestimmt.“ Angst, die Wunde zu sehen, müssten die Eltern nicht haben: „Sie wird vom Bauch der Frau verdeckt.“
Seit dem Frühjahr habe er „mehrere Dutzend“ dieser Kaisergeburten durchgeführt: „Die Eltern erleben den Geburtsmoment aktiver.“
„Ich sehe das sehr skeptisch“, sagt Petra Welskop, Präsidentin des Österreichischen Hebammen-Gremiums. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass damit der natürliche Geburtsmechanismus simuliert werden kann.“ Ein Mitschieben des Kindes sei in der Kaiserschnittlage – auf dem Rücken liegend , die Beine ausgestreckt – nicht möglich. Ob die Eltern den ersten Blickkontakt haben, sei nicht entscheidend, sondern dass das Kind möglichst rasch der Mutter auf die Brust gelegt werde. „Ich sehe die Gefahr, dass damit der Kaiserschnitt verharmlost und weiter gefördert wird“ – was Henrich zurückweist: „Wir wollen nicht mehr Kaiserschnitte – aber die, die begründet sind, sollen angenehmer werden.“
„Aus meiner Sicht sind nicht die technischen Details der Durchführung des Kaiserschnitts das Entscheidende“, sagt Univ.-Prof. Martin Langer von der Uni-Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe der MedUni Wien: „Die zentralen Fragen liegen vorher: Wie gut sind die Eltern über Vor- und Nachteile des Kaiserschnitts aufgeklärt worden? Trägt die Frau die Entscheidung wirklich mit? Ist sie gut eingebunden? Davon hängt es ab, wie sie den Kaiserschnitt erleben wird.“ Üblicherweise sei außerdem bei der Geburt der Hinterkopf zur Mutter gerichtet.
Zum Teil sei die Blutung bei einem Kaiserschnitt beträchtlich: „Das ist nicht gefährlich, kann aber für jemanden, der noch nie eine Blutung bei einer Operation gesehen hat, ein Schock sein.“ Den Blick des Operateurs auf die Wunde sollte der Mann auf keinen Fall haben: „Das ist kein Zustand, in dem man seine Frau sehen möchte.“
„Auch wir versuchen, das Umfeld bei einem Kaiserschnitt so partnerschafts- und familienfreundlich wie nur möglich zu machen“, betont Langer: „Das getrocknete und vom Kinderarzt untersuchte Kind ist bereits nach drei Minuten bei der Mutter.“ Fazit: „Ein bisschen ein Gag scheint mir diese neue Methode schon zu sein.“
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