"Stirbt Bouteflika, droht das Chaos"
Während in Libyen, Ägypten und Tunesien nach den Umstürzen mehr oder weniger Chaos herrscht, ist Algerien relativ stabil. Erdöl und Erdgas ermöglichen ein moderates Wirtschaftswachstum, der seit 1999 regierende Präsident Abdelaziz Bouteflika ließ sich 2012 durch eine Wahl die Mehrheit seiner Partei Nationale Befreiungsfront (FLN) im Parlament bestätigen und machte nach kleineren Protesten Zugeständnisse. EU und USA setzen auf die Politik des 76-Jährigen.
Kamel Daoud (43) ist algerischer Journalist (Le Quotidien d'Oran) und Schriftsteller. Vor einigen Tagen war Daoud in Wien, um bei der 50-Jahr-Feier der Österreichisch-Algerischen Gesellschaft teilzunehmen. Das Thema: „Algerien – Modell für einen Dritten Weg?“ Mit Daoud sprach der KURIER über ...
... die Stabilität Algeriens
Es heißt immer, dass das Land – im Gegensatz zu Tunesien, Ägypten, Libyen – stabil sei. Ich nenne das nicht „Stabilität“, sondern „Immobilität“. Die Menschen wünschen sich Veränderungen – aber sie haben Angst. Denn sie sehen in der Region, dass nach dem Sturz des Herrschers erst einmal das Chaos kommt. Aber das muss nicht sein.
... Algeriens Zukunftsaussichten
Im April sind Wahlen. Die Leute hoffen auf einen sanften Übergang, aber wir haben keine Kandidaten dafür.
... die Ursachen, warum es im „ Arabischen Frühling“ nicht auch in Algerien zum Umsturz gekommen ist
Es gab Demonstrationen. Aber die waren sehr fragmentiert. Es gab zu viele Slogans. Die einen verlangten Reformen, andere Geld, andere eine Revolution, wieder andere Wahlen. Und im Gegensatz zu Ägyptern oder Tunesiern hatten die Algerier keinen Hunger. Geld ist in dem öl- und gasreichen Land ja vorhanden. Algerier sind nach den Schwierigkeiten vor 20 Jahren egoistisch geworden (1991 kam es zum Bürgerkrieg der Regierungskräfte gegen islamistische Gruppierungen, den die Regierung für sich entschied, Anm.). 2011 hat die Polizei Tausende kleine Ausschreitungen registriert, aber eine Revolution gab es nicht.
... einen „Dritten Weg“ – statt Chaos nach der Revolution oder Stabilität in der Diktatur
Ein „Dritter Weg“ ist möglich. Ein Übergang, ohne Gewalt – wie etwa in Lateinamerika. Oder Südafrika! Mandela hatte einen „Dritten Weg“ gefunden. Das gibt Hoffnung.
... die Islamisten
Bei den letzten Wahlen haben die Islamisten im Vergleich zu anderen Ländern der Region schlecht abgeschnitten. Das liegt auch an ihrer Fragmentierung. Außerdem hatten wir die Probleme mit den Islamisten schon vor 20 Jahren. Die Wähler wissen, dass sie auch keine Lösung haben. Trotzdem müssen wir uns überlegen, wie wir mit dem politischen Islam umgehen.Wir brauchen einen Konsens zwischen Islamisten, Regierungspartei, Liberalen.
... die Jugend
Das Schulsystem gehört reformiert. In den Schulen fängt das Umdenken an. Wir haben viele Universitätsabgänger ohne Jobs. 25 Prozent der jungen Algerier sind arbeitslos. 70 Prozent der Bevölkerung sind jünger als 30. Wir haben ein Generationenproblem: Die Jungen sind die Mehrheit, aber in der Politik nicht vertreten. Die dominierende Klasse ist 70 und älter. Sie hat den Krieg erlebt, die Dekolonialisierung mitgemacht. Sie will die Macht nicht an die nächsten Generationen abgeben.
... die Zeit nach Bouteflika
Der Präsident ist alt und krank. Er hat keinen Nachfolger aufgebaut. Stirbt er, droht Chaos.
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