NS-Schuld, Elektra und Brian de Palma

Die Uraufführung von Palmetshofers "die unverheiratete" – überladen, darstellerisch groß.
Vier Frauen in historischen Kleidern und aufgemalten Schnurrbärten stehen vor einem roten Vorhang.

Man hört merkwürdige Geräusche, einem atemlosen Hecheln gleich, an der Decke zucken Neonlichter, der Boden ist mit Erde bedeckt. Hier hockt sie, die Alte ( Elisabeth Orth), deren Lebensbeichte nun verhandelt werden soll.

Ihre nicht bewältigte Vergangenheit – sie hat einen Deserteur denunziert, er wurde zum Tode verurteilt – und ihre Weigerung, Schuld zu bekennen, werden von Orth mit fast unheimlicher Präzision dargestellt. Ewald Palmetshofers am Sonntag uraufgeführtes Drama "die unverheiratete" erzählt, wie drei Frauengenerationen einer Familie mit Schuld umgehen. Es geht um ein (historisch belegtes) NS-Verbrechen, aber auch um andere, unausgesprochene familiäre Schmerzstellen. Ein Vater, ein Bruder, Familientragödien werden angedeutet, auf der Bühne agieren aber ausschließlich Großmutter, Mutter und Enkelin. Hass und Rachegefühle brodeln unter der Oberfläche. Zwischen Mutter und Tochter ist man lieblos, aber pflichtbewusst.

Eindrücke aus der Inszenierung

Eine Gruppe von Schauspielerinnen und ein Schauspieler posieren auf einer Bühne mit Erde.

Die Unverheiratete
Eine Frau sitzt vor einem roten Vorhang auf einem Stuhl.

Die Unverheiratete
Eine Frau im Anzug spielt aufgeregt Akkordeon.

Die Unverheiratete
Eine Frau im weißen Kleid blickt nach oben.

Die Unverheiratete
Eine Person steht hinter einer transparenten Plastikplane.

Die Unverheiratete
Eine ältere Frau mit grauen Haaren und einem karierten Hemd lächelt in die Kamera.

Die Unverheiratete
Eine Frau mit einer Flasche in der Hand sitzt schmutzig auf einem Erdhaufen.

Die Unverheiratete
Zwei Frauen knien auf einem schlammigen Boden, eine gießt Wasser aus einer Flasche.

Die Unverheiratete
Eine ältere Frau sitzt auf einem Erdhügel, während eine Person im Hintergrund steht.

Die Unverheiratete
Eine Frau in einem grauen Kleid hält eine Axt hinter ihrem Rücken.

Die Unverheiratete
Eine ältere Frau wird von einer jüngeren, schmutzigen Frau umarmt.

Die Unverheiratete
Eine Frau steht auf einem Tisch und hält eine Axt vor einem roten Vorhang.

Die Unverheiratete
Zwei Frauen in Hemden und Krawatten vor einem roten Vorhang, eine raucht.

Die Unverheiratete
Eine Frau schaufelt Erde in einem Raum mit einem Sessel und einer Lampe.

Die Unverheiratete
Eine Frau liegt in einem Erdhaufen und raucht eine Zigarette.

Die Unverheiratete
Eine Frau sitzt auf dem Boden, während eine andere Person auf ihrem Schoß liegt.

Die Unverheiratete
Eine Frau mit verschmierter Schminke steht vor einem roten Vorhang.

Die Unverheiratete
Porträt einer älteren Frau mit grauen Haaren und einem ernsten Blick.

Die Unverheiratete
Eine ältere Frau mit Strickjacke und Kleid steht vor einer Holztür.

Die Unverheiratete
Eine weinende junge Frau neben einer älteren Frau, die Grimassen schneidet.

Die Unverheiratete
Eine Frau gießt einer anderen Frau einen Eimer rote Flüssigkeit über den Kopf.

Die Unverheiratete
Zwei Frauen, mit Blut bedeckt, stehen eng beieinander.

Die Unverheiratete
Eine Frau mit blonden Haaren und Blut im Gesicht blickt zur Seite.

Die Unverheiratete
Eine Frau mit blauen Augen und blutverschmiertem Gesicht blickt in die Kamera.

Die Unverheiratete
Eine Theaterszene mit drei Frauen in historischen Kleidern und einer älteren Person mit einem Seil.

Die Unverheiratete
Zwei Frauen stehen vor einem Erdhaufen, eine mit Akkordeon.

Die Unverheiratete

Die Junge (Stefanie Reinsperger) ist ihrer Oma ein braves, Knöpferlharmonika spielendes Enkerl – wir erfahren aber auch von ihren zwanghaften, von einzelnen Körperteilen bestimmten Männergeschichten. In einer beeindruckenden Rauschperformance entblößt sie ihre seelischen Untiefen.

Carrie

Die Mittlere (Christiane von Poelnitz) gibt die aufopfernde Tochter, die sich um die kranke Mutter kümmert. Im Hintergrund aber schwingt sie ein Hackbeil vor einem per Windmaschine aufgeblähten Vorhang und bekennt im letzten Drittel des Stücks: "Ich bin Elektra" – logisch, bei all dem Hass auf die Alte. Kaum hat sie das offenbart, steht schon die eigene Tochter hinter ihr und leert ihr einen Kübel Blut über die hüftlange rote Mähne: De Palmas "Carrie" ist nicht die einzige Horror-film-Reminiszenz dieses von Einfällen und technischen Raffinessen bestimmten Abends, im Laufe dessen die bravourösen Darstellerinnen nach all dem Wühlen in der Erde (Gräber schaufeln?) oft duschen müssen.

Auch die vier "Schwestern" (Petra Morze, Sylvie Rohrer, Sabine Haupt, Alexandra Henkel), die in wechselnden Kostümen (Janina Brinkmann) verschiedene Aufgaben zu bewältigen haben, sind unheimliche Gestalten. Einmal sind sie Rachegöttinnen, dann wieder Zellengenossinnen aus der Zeit, in der die Alte ihr Verbrechen im Gefängnis büßen musste. Am schauderhaftesten sind sie, wenn sie, mit Stoppellocken und Biedermeier-Kleidchen ausgestattet, im "Baby Jane"-look über Schuld und Sühne der Alten zu richten haben. In Versform.

"Die unverheiratete" ist eine mit Ideen fast zu gut ausgestattete Aufführung. Schon Palmetshofers Text ist sehr ambitioniert. Und Regisseur Robert Borgmann, der auch die Bühne verantwortet, hat zu diesem an Symbolen reichen Text viele Einfälle. Vieles gelingt eindrucksvoll, manches bleibt unverständlich. Dank der bravourösen Darstellerinnen ein toller Abend.

KURIER-Wertung:

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