Bis zu einem Prozent der Bevölkerung ist betroffen.

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Gesund
05/11/2019

Chronischer Juckreiz: Was bringen neue Therapien?

Gesundheitstalk: Antikörper helfen Nesselsucht-Patienten, bei denen andere Behandlungen wirkungslos bleiben.

Quälender Juckreiz, rote Quaddeln – und sie treten sprichwörtlich über Nacht auf: Urtikaria, auch Nesselsucht genannt, ist eine der häufigsten Hautkrankheiten überhaupt, wird aber oft bagatellisiert. „Es gibt Patienten, die über Jahrzehnte davon betroffen sind, der Leidensdruck ist enorm“, sagt Wolfgang P. Weninger, Leiter der Uni-Klinik für Dermatologie an der MedUni/AKH Wien. „Der Juckreiz ist das Kardinalsymptom.“

Er entsteht, weil das Immunsystem überreagiert (siehe Grafik). Bis vor einigen Jahren wurde Urtikaria rein als Erkrankung des allergischen Formenkreises gesehen.

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Akut oder chronisch

Der Grund: Oft treten die Symptome als Reaktion auf – etwa auf Medikamente oder Nahrungsmittel – und verschwinden nach kurzer Zeit wieder. Man spricht von akuter Urtikaria. „Bei chronischen Formen spielt eine Allergie eine untergeordnete Rolle. Wir wissen heute, dass es eine Autoimmunerkrankung ist“, betont Weninger. Dermatologe Johannes Raff, Urtikaria-Experte am Wiener Wilhelminenspital, ergänzt: „Bei chronischen Formen hat Urtikaria immer eine immunologische Ursache. Die Behandlung ist hier sehr komplex. “

Bei manchen Formen kommt es zu Angioödemen. Diese Schwellungen treten in tieferen Hautschichten oder Schleimhäuten auf. Weninger: „In den Atemwegen kann das gefährlich werden.“

Die Basistherapie für akute und chronische Urtikaria sind Antihistaminika, die die Entzündungsreaktion bremsen. „Das ist für die Hälfte der Patienten ausreichend und führt zu einer guten Symptomkontrolle“, sagt Raff. Manchen Betroffenen helfen Diäten. „Das ist aber eher als eine mögliche unterstützende Maßnahme zu sehen und sollte nie ohne ärztliche Begleitung gemacht werden.“ Bei schweren Fällen greift man u. a. zu Cortison oder Immunsuppressiva.

Bei chronischen Formen ohne konkreten Auslöser gibt es seit einigen Jahren eine zusätzliche Therapiemöglichkeit mit einem monoklonalen Antikörper (Omalizumab), der schon länger aus der Asthma-Behandlung bekannt ist. Derzeit sind noch weitere dieser sogenannten IgE-Gegenspieler in Entwicklung, sagt Raff. Weninger: „Die Forschung der letzten Jahre hat zu einem besseren Verständnis der Erkrankung geführt.“

„Wissen, wo man sich Hilfe holt“

Patientenschicksal: Silvie Gross setzte die Krankheit körperlich und emotional zu

Die Leidensgeschichte von Silvie Gross begann vor zwölf Jahren: Eines morgens  wachte die psychologische Beraterin und Supervisorin auf – mit geröteten, schmerzhaften Quaddeln übersät. „Meine gesamte Hautoberfläche war betroffen, der Juckreiz war enorm, dazu kam ein schmerzhaftes Brennen. Jede Bewegung, jede Haltung und sogar das Liegen tat weh.“ Im Krankenhaus wurde sie sofort mit Antihistaminika und Cortison behandelt. „Damals dachte man an eine Allergie, aber  Tests brachten keine Ergebnisse. Die Ursache für die Urtikaria  konnte nicht festgestellt werden.“

Bis 2014 litt die heute 44-Jährige an einer der schmerzhaftesten Ausprägungen von Urtikaria, immer wieder hatte sie schwere Schübe.  „Mein Leidensdruck war enorm. Ich hatte auch Angioödeme, wurde mit hoch dosiertem Cortison behandelt, um einen anaphylaktischen Schock zu vermeiden.“

Die Beschwerden im Griff

Irgendwann hatte sie genug, da ihr das Cortison körperlich und emotional zuzusetzen begann. „Ich wusste, das geht nicht mehr so weiter für mich.“ Gross machte sich auf die Suche nach anderen Therapien und vernetzte sich  mit Betroffenen und Experten. Mit Ernährungskontrolle und Spezialisten gelang es, die Beschwerden in den Griff zu bekommen. „Ich hatte zwei Jahre keinen Schub.“

Heute weiß sie etwa, dass bestimmte Nahrungsmittel bei ihr einen Schub auslösen können. „Ich habe für mich ein Modell gefunden, mit dem ich gut durch den Alltag komme.“

Aufgrund der eigenen Erfahrungen gründete Gross den Urtikaria-Verband. „Wir versuchen, die Patienten zu stärken und bieten neben Beratung und Information auch Selbsthilfegruppen an. Es ist wichtig, dass man weiß, wo man sich Hilfe holen kann.“

Gesundheitstalk„Immunsystem Haut“

Der Talk

Die Veranstaltung findet am Mittwoch, 15. 5. 2019 um   18:30 Uhr statt. Es diskutieren Wolfgang P. Weninger, Medizinische Universität Wien, Johannes Raff, Wilhelminenspital und  Silvie Gross, Betroffene und Gründerin des  Urtikariaverband Österreichs.  Moderation: Gabriele Kuhn (KURIER)

Veranstaltungsort

Van-Swieten-Saal der Medizinischen Universität Wien, Van-Swieten-Gasse 1a (Ecke Währinger Str.), 1090 Wien. Veranstalter sind KURIER, MedUni Wien und Novartis. Der Eintritt ist frei.