freizeit
25.08.2018

Zu Besuch bei den Pandas: Mehr Bambus, bitte!

Panda haben sich als Lieblingstiere in unsere Herzen geschummelt. AMI VITALE weiß, warum. Die Fotografin besuchte sie in ihrer Heimat.

Er ist groß, hat schwarze Ringe unter den Augen und hängt den ganzen Tag lang in der Gegend herum. Und dabei denkt er  nur an das eine – Fressen. Nicht wirklich ideale Voraussetzungen, als Sympathler durchzugehen. Er aber schafft es trotzdem: der Pandabär alias Riesenpanda oder Bambusbär.

Kein anderes Tier erfreut sich  so uneingeschränkter Beliebtheit wie der chinesische Dschungelbewohner. Das Erdmännchen nicht, das einfach zu schrullig zu sein scheint. Die Pinguine nicht, weil sie so sehr mit der winterlichen Jahreszeit verbunden werden. Und auch nicht  die Giraffe, die sich – weil so groß – so schwer umarmen lässt.

Damit kein Missverständnis aufkommt: Pandas sehnen sich nicht nach Streicheleinheiten. Dazu sind sie zu überzeugte Solisten. Doch mit dem runden Kopf und den schwarzen Flecken, die seine Augen so riesengroß wirken lassen, entspricht der Große Katzenbär, wie diese Spezies auf Chinesisch heißt, exakt dem Kindchenschema. Und darauf fahren wir einfach  ab, bis ins hohe Alter.

„Man sollte nie vergessen, dass es sich um sehr große Tiere mit Zähnen und Klauen handelt“, betont daher Ami Vitale. Die US-amerikanische Fotografin  dokumentierte über drei Jahre lang die Arbeit des chinesischen Naturschutz- und Forschungszentrums, das in der Provinz Sichuan Große Pandas auf ein Leben in Freiheit vorbereitet.

Die 1971 geborene Nikon-Botschafterin  war hautnah dabei, als in den vernebelten Bergen des Naturreservats die Babys nach Futter quietschten. Sie ließ sich von Zhang „Papa Panda“ Hemin, dem Leiter des Zentrums für Große Pandas, erklären, warum sich diese Tiere so schwer mit Nachwuchs tun. Und sie   schlüpfte sogar in ein „parfümiertes“ Panda-Kostüm, um mit der Kamera noch näher dran am Leben der  Dschungelbewohner sein zu können.

„Wilde Tiere lernt man am besten kennen, wenn man respektvoll Distanz wahrt“, sagt die zierliche Fotografin, die unter anderem für  das Magazin  National Geographic schon mehr als 90 Länder bereist hat – darunter auch Kriegsgebiete. Ami ist also einiges gewöhnt. Sie hat in Lehmhütten gelebt, ist an Malaria erkrankt und weiß unter anderem, wie schwer man an einer kugelsicheren Weste zu tragen hat. Diese Aufmachung aber war selbst für sie eine Premiere. „Da ich so viel wie möglich über ihr Leben herausfinden wollte, musste ich lernen, mich ihrer Welt anzupassen“, erzählt Vitale. „Ich musste aussehen und riechen wie ein Panda, damit ich diese Fotos machen konnte. Also zog ich ein Panda-Kostüm an, das mit Urin und Kot von Pandas präpariert war.“

Das Überstreifen der „Schmutzwäsche“ kostete sie weniger Überwindung als sie zuerst dachte, denn: „Auch die Pfleger tragen solche Anzüge.“ Und ohne dieses Outfit  geht eben rein gar nichts.

Der Lohn dafür: Ami Vitale gelangen Aufnahmen in der quasi freien Wildbahn, wie man sie so von Pandas noch nie gesehen hat. Dabei war sie überrascht, wie einfach sie an manchen Tagen über ihre Fotomodelle  „stolperte“. „Pandas schlafen gerne, etwa zehn Stunden am Tag und jedes Mal zwei bis vier Stunden am Stück“, sagt sie amüsiert. Und: „Sie schlafen einfach überall, in Baumwipfeln  ebenso wie auf dem Waldboden. Dabei liegen sie auf dem Rücken, auf der Seite oder auf dem Bauch.“


Aber nicht allein  mit fröhlich machenden Fotos, auch mit einer  frohen Botschaft kam Ami Vitale heim. „ China ist auf dem besten Weg, seinen berühmtesten Botschafter zu retten und sein Nationalsymbol wieder in der Wildnis anzusiedeln.“ Das gibt Hoffnung. Und das zeigt, wie wichtig all die Maßnahmen waren, die zum Schutz der vom Aussterben bedrohten Tierart beigetragen haben. Knapp  2.000 Große Pandas leben wieder in freier Wildbahn. Genug, um zu überleben. Aber nicht genug, dass sich Tierfreunde getrost zurücklehnen könnten.

Seit 1992 betreibt China in Kooperation mit dem WWF, dem World Wide Fund For Nature, dessen Wappentier der Große Panda ist, ein Schutzprogramm für die nach Bambus geradezu süchtige Spezies.  Und selbst wenn der Anbau von Bambus in Zeiten des Klimawandels immer komplizierter geworden ist, konnte schon im Vorjahr der Status des Großen Panda auf der Roten Liste erstmals heruntergestuft werden –  vom alarmierenden „stark gefährdet“ auf immerhin nur mehr „gefährdet“.

Bleibt ein Problem, das jedoch  in der Natur des chinesischen Nationalsymbols selbst „begraben“ ist. Ob männlich oder weiblich, erwachsene Pandas sind extrem lethargisch und sehr schwer zur Paarung zu bewegen. Da  sie ohnehin eher Solitäre sind denn Wesen mit einem ausgeprägten Sozialverhalten, streifen sie gerne solo  durch den dichten Bambuswald. Somit ist eine zufällige Begegnung zur Kontaktaufnahme auch in der Paarungszeit   eine Seltenheit. Als wäre das für ein Rendezvous mit Hintergedanken noch nicht hinderlich  genug, sind die  Weibchen auch nur für eine extrem kurze Zeit paarungsbereit und fruchtbar: Nur einmal im Jahr und das auch nur für höchstens 24 bis 72 Stunden. In genau dieser Zeit sollten auch die Männchen aktiv werden. Wenn nicht, heißt  es wieder für ein ganzes Jahr: rien ne va plus. Man sieht, Pandas haben’s wirklich nicht leicht.