Ein Skirennläufer mit Startnummer 19 jubelt mit erhobenen Armen im Schneefall, im Hintergrund Zuschauer.

Rekordsieger über die Streif: "Angst? Lieber Respekt"

Fünfmal triumphierte Didier Cuche auf der Streif, der gefährlichsten Abfahrt der Welt. Der König von Kitzbühel spricht über Angst, Erfolg ab 30 und verpasste Olympia-Chancen.

Bis jetzt konnte außer ihm niemand auf der Streif fünf Mal gewinnen. Der Schweizer Didier Cuch ist der König von Kitzbühel. Vor dem Hahnenkamm-Wochenende in Kitzbühel sprach er über seine Beziehung zur Strecke, einen fehlenden Olympiasieg, Lindsey Vonns Rückkehr und warum Bode Miller nie auf der Streif gewinnen konnte.

Wenn Sie heute an die Streif denken, welches Gefühl kommt zuerst?

Didier Cuche: Ich habe das Glück, dass ich nur positive Erinnerungen habe. Ich bin nie gestürzt und hatte tolle Erfolge.

Wie war Ihr erstes Mal am Start?

Es war im Jänner 1996, zwei Jahre, bevor ich meinen ersten Sieg holte. Beim allerersten Training trug ich eine Startnummer in den 40ern. Von den ersten fünf Startern stürzten vier, drei mussten per Helikopter ins Krankenhaus gebracht werden.

Ein lächelnder Mann mit Glatze und schwarzem Polohemd steht mit verschränkten Armen vor dunklem Hintergrund.

Didier Cuche wurde mit den Jahren beim Rennfahren gelassener, sagt er. Es war nicht mehr alles schwarz oder weiß. „Ich wollte die  verbleibende Zeit bewusster und mit mehr Genuss angehen."

©Sébastien Anex

Hatten Sie Angst?

Sehr viel Respekt. Ich dachte: Wie soll ich das überleben, wenn so viele stürzen? Ich bin dann resigniert losgefahren, weil ich natürlich nicht als „Did Not Finish“ gewertet werden wollte. Zumal die Liste der Aussteiger dort relativ kurz ist. Mit 8,5 Sekunden Rückstand fuhr ich schließlich mit erhobenen Armen wie ein Sieger über die Ziellinie. Viele haben sich im Ziel totgelacht, weil einer mit einer hohen Nummer und hohem Rückstand jubelte. Aber das war mein erster Erfolg.

 Die Anspannung ist da. Man will die Strecke beherrschen und gleichzeitig schnell sein – eine Gratwanderung zwischen Angreifen und dem eigenen Limit.

Didier Cuche Streif-Rekordsieger

Wann haben Sie bemerkt, dass die Streif Ihre Strecke ist?

Schon zwei Tage später, im Rennen, erreichte ich mit der Startnummer 40 den 21. Platz. Im unteren Streckenabschnitt fuhr ich sogar die zweitschnellste Zeit. Da wurde mir klar: Wenn man es richtig angeht, lässt sich diese krasse Strecke beherrschen.

Wie ging es weiter?

Nach einer Verletzung kehrte ich 1998 zurück. Ich gewann eine Sprintabfahrt, die allerdings über den Slalomhang führte. Am nächsten Tag wurde ich Zweiter hinter Kristian Ghedina. Die Kombination aus den Jahren 1996 und 1998, in denen ich den oberen Streckenteil im Griff hatte, bildete die Grundlage dafür, dass ich mich oben am Start wohlfühlte.

Hat man als jemand, der die Streif mehrmals gewonnen hat, immer noch Angst?

Ich spreche lieber von Respekt. Angst ist das, was entsteht, wenn das Adrenalin so stark ansteigt, dass man nicht mehr weiterfahren kann. Wenn man dieses Gefühl hat, wird man kein Abfahrer, kein Spitzenskifahrer. Natürlich kommt man auf manchen Strecken diesem seltsamen Gefühl im Blut eher nahe. Kitzbühel gehört dazu: Die Anspannung ist da. Man will die Strecke beherrschen und gleichzeitig schnell sein – eine Gratwanderung zwischen Angreifen und dem eigenen Limit.

„Bode Miller war vielleicht gelegentlich sein eigener Gegner; man weiß, wie sehr er das Leben liebte und auskostete.“  

Didier Cuche Ex-Ski-Rennfahrer

Wie schafft man das?

Es gilt, dieses Limit zu finden und richtig zu dosieren. In Kitzbühel gelten die Gesetze der Fliehkraft: Manches kann man machen, anderes darf man nicht übertreiben. In Kombination mit dem eigenen Können entscheidet das, ob man vorne mitmischen kann oder nicht.

Wirklich gute Skifahrer wie Bode Miller haben die klassische Streif-Abfahrt nie gewonnen. Warum scheitern auch sie daran?

Mir fällt auch Aksel Lund Svindal ein: Er hat fast überall gewonnen – nur die Streif nicht. Bode Miller war vielleicht gelegentlich sein eigener Gegner; man weiß, wie sehr er das Leben liebte und auskostete. Wahrscheinlich hat er sich damit den Sieg selbst verbaut. Es war wohl 2011, ich hatte rund eine Sekunde Vorsprung auf ihn. Ihm reichte es offenbar, abends nicht zu früh ins Bett zu gehen. Das war nicht meine Art. Kitzbühel ist gefährlich genug – da muss man nachts nicht noch zusätzlich Gas geben. Bode hat seinen Lebensstil ja nie versteckt.

Haben Sie beim Nachtleben in Kitzbühel mitgemacht?

Am Samstag, wenn ich im Ziel gesund war und aufrecht stehen konnte, war es Zeit, auf diese Strecke mit ein, zwei Bier anzustoßen und einfach froh zu sein, heil nach Hause zu kommen. Das war für mich so etwas wie die Ausnahmeparty im Winter. Der große Jänner-Block mit Lauberhorn und Kitzbühel lag hinter uns und man konnte den Druck rauslassen. Aber eben nach dem Rennen und nicht davor.

"Ich kenne viele, die einen Kitzbühel-Sieg gern gegen eine Olympiamedaille eintauschen würden.

Didier Cuche über fehlendes Olympia-Gold

Den Großteil Ihrer Erfolge haben Sie ab 30 gefeiert. Was war der Grund für Ihren zweiten Frühling?

Am Anfang meiner Karriere ging es relativ schnell: Mit 24 habe ich Kitzbühel gewonnen. Danach habe ich mich konstant unter den Top 15 etabliert. Aber es wurde schwieriger, auch wegen Materialwechseln. Mit 31 gab es erneut Materialwechsel, die in einer Disziplin gut funktionierten, in anderen jedoch weniger. Dann kam die Knieverletzung, das Kreuzband. Das war der Moment, an dem ich dachte: Okay, ich bin 31, wenn ich in ein, zwei Jahren wieder dabei bin und an der Spitze mitfahren kann, bin ich 33. Dann bleiben nicht mehr so viele Jahre.

Aufhören war kein Thema?

Ich wollte mich weiterhin voll engagieren, das Ganze aber mit mehr Genuss angehen, bewusster wahrnehmen und ein bisschen lockerer bleiben. Gleichzeitig kam der Wechsel zu Head mit viel Aufwand und zahlreichen Tests. Insgesamt war das eine Wende, bei der vieles zusammenkam. Und ich glaube, mit 31, 32, 33 Jahren profitiert man von der Erfahrung in allen Bereichen – Material, Kondition, Mentalität –, sodass man im eher höheren Alter davon zehren kann.

Ein Skifahrer mit Helm und Skibrille fährt auf einer schneebedeckten Piste vor blauem Himmel.

Heute sind Geschwindigkeiten von bis zu 140 km/h tabu. „Ich genieße es, ganz normal auf der Piste unterwegs zu sein“, sagt Didier Cuche.

©Dani Fiori

Lindsey Vonn hat mit 40 wieder mit den Skirennen begonnen und mit 41 Jahren gewonnen. Manche Stimmen rieten ihr gar, einen Psychologen aufzusuchen. Wie sahen Sie die Kritik?

Ich war überrascht, wie heftig die Kritik ausfiel. Einerseits ist es ihre Entscheidung, wenn sie das so will. Andererseits machte ich mir Sorgen: Lindsey Vonn geht oft bis ans Limit, und gerade dann passieren ihr Fehler. Verschneider, Innenski-Verhaker gab es auch am Zenit ihrer Karriere. Ich hoffe nur, dass sie, wenn nach den Olympischen Spielen oder am Saisonende wirklich Schluss ist, bis dahin gesund bleibt. Aber es überrascht mich nicht, dass sie in diesem Jahr bereits wieder gewinnt.

Jetzt hat sie ja Ihren Rekord eingestellt mit einem Abfahrtssieg im höchsten Alter. Sie gewannen mit fast 38 Jahren. Hat Sie das gewurmt?

Zunächst einmal: Rekorde sind da, um gebrochen zu werden. Ob man überhaupt einen direkten Vergleich zwischen den Geschlechtern ziehen kann, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass Christof Innerhofer (41 Jahre, Anm.) immer noch fährt. Auch Thomas Tumler (36 Jahre, Anm.) ist noch aktiv und könnte, wenn er gewinnt, der älteste Weltcupsieger bei den Männern werden.

Hat es Sie nach Ihrem Karriereende gereizt, es noch einmal zu versuchen?

Nein, die Zeit war reif aufzuhören. Aber manchmal denke ich, einige Jahre wären schon noch gegangen.

„Die Freude am Ganzen war mir so wichtig, dass ich nicht akzeptieren wollte, dass es nicht mehr geht.“ 

Didier Cuhe über den zweite Frühling nach Verletzungen

Sie waren sehr erfolgreich. Aber ein Olympiasieg fehlt Ihnen. Haben Sie daran geknabbert? Oder war Ihnen das nach dem Motto „Ich bin dafür Streif-Rekordsieger“ egal?

Ich hatte zweimal eine gute Chance: Einmal trug ich bei der letzten Zwischenzeit im Super-G von Salt Lake City quasi schon Gold um den Hals. Ich lag drei Zehntel vor Kjetil André Aamodt. Dann verpasste ich ein Tor, weil ich zu wenig Tempo herausnahm und das nächste Tor nicht mehr erreichte. Das tat weh, denn Olympia ist etwas Besonderes: Es kommt nur alle vier Jahre und die Chancen sind rar. Es gibt immer wieder Überraschungssieger, die Favoriten Gold oder eine Medaille wegschnappen. Das gehört zu meinem Weg, und ich habe gelernt, das zu akzeptieren. Ich sehe Kitzbühel nicht als Kompensation – klar, ich bin dort fünffacher Sieger. Aber ich kenne viele, die einen Kitzbühel-Sieg gern gegen eine Olympiamedaille eintauschen würden.

Nach dem Skifahren halten Sie nun auch Referate im Wirtschaftsbereich. Wo sind die größten Analogien aus dem Skifahren für Firmen?

Konsequenz, Resilienz und ein kurz-, mittel- und langfristiger Plan, dazu realistische Ziele: Das sind Dinge, die nicht nur ein Sportler, sondern auch Wissenschaft, Gesellschaft und Unternehmen brauchen, um erfolgreich zu sein. Planlos vorzugehen kann zwar gelegentlich Glückserfolge bringen, doch wer sich etablieren will, muss – im Sport wie im Business – alles von vorne bis hinten durchdacht haben. Bei mir war Resilienz sicher ein großer Erfolgsfaktor: Ich hatte schon früh viele Verletzungen; im Weltcup dann lange keine, aber mit über 30 kam die Knieverletzung. Trotzdem habe ich es immer wieder geschafft zurückzukommen – das ist für mich der schönste Aspekt meiner Karriere. In der Wirtschaft hilft Erfahrung, um weniger Fehler zu machen; das gilt auch im Skisport, und so war es bei mir.

Wie haben Sie sich nach Ihren Verletzungen wieder aufgerappelt?

Der Wille war immer mein stärkster Antrieb – die Resilienz steckte tief in mir. Im Sommer vor meinem ersten Kitzbühel-Sieg war ich wegen massiver Schmerzen am Schienbein kurz davor, das Handtuch zu werfen. Erst mit einer Karbonschiene, wie sie heute nicht mehr erlaubt ist, konnte ich den Druck am Schienbein verteilen; die Schmerzen verschwanden, und ich war wieder befreit.

 Wenn man verletzt ist, lernt man sehr viel – über sich selbst und über die Menschen, die einen begleiten. Und man merkt erst, was man hat, wenn man nicht verletzt ist. 

Didier Cuche über Verletzungen

Was war der Wendepunkt?

Die Freude am Ganzen war mir so wichtig, dass ich nicht akzeptieren wollte, dass es nicht mehr geht. Ich habe nie geschummelt: hart trainiert, die Reha konsequent durchgezogen, alles investiert. Wenn man verletzt ist, lernt man sehr viel – über sich selbst und über die Menschen, die einen begleiten. Und man merkt erst, was man hat, wenn man nicht verletzt ist. Mein Ziel war immer, wieder dorthin zurückzukommen, wo ich schon war. Mein Wille war schon als Junger sehr groß, und er hat mir durch die Verletzungen und den langen Weg geholfen, immer weiterzumachen und nach Lösungen zu suchen. Sehr früh habe ich viel am Material gearbeitet und optimiert. Auf Zufall wollte ich mich beim Gewinnen nie verlassen.

Sie schreiben auf Ihrer Homepage, Sie waren lange Zeit sehr fokussiert, alles war schwarz-weiß. Und auf einmal gab es Grauzonen. Wie kam das?

Nach der letzten Verletzung wollte ich die verbleibende Zeit bewusster und mit mehr Genuss angehen, denn es würden nicht mehr viele Jahre bleiben.

Gibt es noch etwas, wobei Sie sich heute einen Kick holen, wie es ihn früher beim Fahren mit 130 oder 140 km/h gab?

130 fahre ich schon lange nicht mehr. Vielleicht komme ich irgendwann mal auf 100 km/h, wenn ich irgendwo gerade hinunterfahre. Aber ich brauche diesen Adrenalinkick nicht. Ich genieße es, ganz normal auf der Piste zu sein.

Ein Skirennfahrer springt in voller Ausrüstung über eine Skipiste vor einer großen Menschenmenge.

Didier Cuche auf der Streif im Jahr 2011.

©APA/ROBERT PARIGGER

Sehen Sie derzeit jemanden, der Ihrem Fünffach-Rekord gefährlich werden könnte?

Dominik Paris hat bereits drei. Cyprien Sarrazin wartet wohl bis nächstes Jahr mit seinem Comeback. Wie gesagt: Rekorde sind da, um gebrochen zu werden. Fakt ist: Wer schon drei hat, ist näher an fünf dran als jemand, der noch keinen hat.

Daniel Voglhuber

Über Daniel Voglhuber

ist Redakteur bei der KURIER Freizeit. Seit Dezember 2020 schreibt er über Reisen, Kultur, Essen und Lifestyle. Kurz: über alles, was Freude macht. 2011 startete er in der KURIER-Chronik als Mitarbeiter für Oberösterreich, später produzierte er lange verschiedene Regionalausgaben.

Kommentare