Elizabeth II: Die geheimen Stil-Botschaften der Queen
Ihr Stil war unverkennbar und voll geheimer Botschaften. Zum 100. Geburtstag von Königin Elizabeth II. im April erinnert eine Ausstellung im Buckingham Palace daran. Die zeigt, wie die Queen Mode nutzte und Frauen den Weg ebnete.
Der grüne Stoff war kein Zufall. Das salbeifarbene Kostüm, das Elizabeth II. im September 1952 zum Fototermin im Schloss Balmoral trug, strahlte Hoffnung und Neubeginn aus. Nur wenige Monate zuvor war ihr Vater überraschend gestorben, die 25-Jährige zur neuen Königin geworden.
Sieben Jahrzehnte später war die Sehnsucht nach Zuversicht größer denn je. Als sich die Queen im April 2020 per Videobotschaft ans Volk richtete, tat sie dies einmal mehr in einem grünen Kleid, diesmal kräftig im Ton. „Ich wende mich in einer Zeit an euch, von der ich weiß, dass sie zunehmend schwieriger wird“, sagte die Königin, als sich Großbritannien wie der Rest der Welt in den Klauen der Corona-Pandemie befand.
Ein geschichtsträchtiger Moment: Die Rede der Queen während der Corona Pandemie.
©APA/AFPWeniger als die Worte und die sanfte Sprachmelodie war in dem Moment etwas anderes ausschlaggebend. In dieser Zeit, in der nichts war wie zuvor, sah die Königin aus wie immer. Das war derart tröstlich, dass ihre Abschlussworte überraschend tief gingen: „Wir werden einander wieder sehen.“
Kleidung – das wissen wir spätestens seit es Meryl Streep als scharfe Miranda Priestly in „Der Teufel trägt Prada“ erörtert hat – sendet immer Botschaften. Egal, ob wir wollen oder nicht. Sie zeigt unsere Herkunft, unsere Allianzen, unseren Status. Und kaum ein Mensch hat mit seiner Kleidung das vergangene Jahrhundert derart kontinuierlich geprägt, und damit unglaublich subtil und doch sagenhaft markant Botschaften gesandt, wie die frühere britische Monarchin.
Elisabethanisches Jahrhundert
Am 21. April wäre Königin Elizabeth 100 Jahre alt geworden. Anlass genug für den Royal Collection Trust, die fabelhaftesten Outfits des letzten Jahrhunderts in einer Sonderausstellung (ab 10. April) im Buckingham Palace der Öffentlichkeit zu präsentieren. Und ein hervorragender Grund, den königlichen Stil etwas näher zu beleuchten.
Der Katalog zur Sonderschau über Königin Elizabeths Stil.
©Royal Collection Enterprises Limited 2026/Royal Collection TrustDenn die frühere Monarchin war nicht nur durch ihre strahlenden Farben ein beruhigender Fels in der turbulenten britischen Brandung. Ihre Outfits standen bei Staatsempfängen wiederholt in starkem Kontrast zum Auftreten ihrer Gesprächspartner und präsentierten eine leuchtende Fackel weiblicher Ermächtigung.
Auch dieses Kleid der Königin ist in der Ausstellung zu sehen.
©©Cecil Beaton/Victoria and Albe/Cecil Beaton/Victoria and Albert Museum, London.Doch von vorne: Die Outfits der Queen, das kann wohl kaum überraschen, waren von diversen Regeln geprägt. Privaten wie pragmatischen. Die Wiener Imageberaterin Eva Köck-Eripek erörtert, dass die Queen bei offiziellen Anlässen in der Regel ein einfarbiges Kleid und darüber einen Mantel im gleichen Farbton trug: „Sie durfte also nicht nur mit einer Lage hinaus, sondern trug immer zwei. Eine Art Ritterrüstung, ein Ensemble, das Stabilität schafft.“ Dazu kam ein Hut, wie es die englische Etikette gebot.
Die Farbintensität hing dabei vom Anlass ab. Bei eleganteren Anlässen, ergänzt Köck-Eripek, griff sie zu gedeckteren Farben, wie es der noble „White Tie“-Dresscode verlangt. Nude- oder Brauntöne wählte sie kaum: „Ich kann niemals Beige tragen“, sagte die Queen einst, „weil dann niemand weiß, wer ich bin.“
Nur nicht unscheinbar: die frühere Queen in den Farben des Regenbogen.
©APA/AFP/BEN STANSALL/TOBY MELVILLE/JONATHAN BRADY/DOMINIC LIPINSKI/STEVE PARSONS/DANIEL LEAL/JOHN STILLWELL/JANE BARLOW/ANTHONY DEVLIN/VICTORIA JONES/HEATHCLIFF O'MALLEY/BEN STANSALL, TOBY MELVILLE, JONATHAN BRADY, DOMINIC LIPINSKI, STEVE PARSONS, DANIELWar Königin Elizabeth II. wiederum in großer Menge unterwegs, entschied sie sich für kräftigere Farben. Sie verstand, dass Sichtbarkeit Einfluss bedeutet, analysiert die britische Kreativdirektorin und Sorority-Gründerin Lisa Tse. Mit ihren farbintensiven Kleidern und dem dramatischen Hut stach sie trotz ihrer kleinen Statur auch in einer Menschenmenge von Hunderten oder Tausenden von Menschen als Leuchtfeuer hervor.
Wider der Unsichtbarkeit
Dieses Feuer galt einer Gruppe Menschen besonders. Denn die Queen sandte mit ihren Outfits Botschaften, so die britische Historikerin Amanda Foreman in Harper’s Bazaar. Und zwar „die Botschaft an Frauen, dass man auch als ältere Person auffallen kann, indem man Farbe trägt“. Dass man nicht unsichtbar sein musste, nur weil man nicht mehr jung war.
Die Königin definierte damit Power Dressing neu, ergänzte Lisa Tse: In einer Zeit, in der Frauen ihre Autorität oft durch Nachahmung männlicher Codes zum Ausdruck brachten, setzte die Queen auf klare, ausnehmend weibliche Authentizität und Beständigkeit.
Zwei Modeköniginnen unter sich: Königin Elizabeth mit der damaligen Vogue-Chefin Anna Wintour.
©Getty Images/WPA Pool/Getty ImagesSie zeigte, dass man nicht lauter oder schärfer werden musste, um gesehen zu werden. „Für viele Frauen, insbesondere in Führungspositionen, ist das unglaublich befreiend“, meint Tse. Das verlagere den Fokus vom „Sich-Anpassen“ hin zum „Standhaft-Bleiben“.
Durch ihre Standhaftigkeit konnte sie selbst die Motive ihrer Kleidung zur Kommunikation einsetzen. Denn natürlich, erinnert Designerin Sabinna Rachimova, war Königin Elizabeth II. als konstitutionelle Monarchin zur öffentlichen Neutralität verpflichtet: „Die Kleidung war einer der wenigen Kanäle, über den sie trotzdem Botschaften senden konnte.“
Das Beispiel, das Rachimova nicht vergessen hat: Bei der Staatseröffnung des Parlaments 2017 trug die Königin einen blauen Hut mit gelben Blumen. „Eine auffällige Ähnlichkeit zur EU-Flagge – zu einer Zeit, als die Brexit-Verhandlungen gerade erst begonnen hatten.“
Königin Elizabeth und der damalige Prinz Charles bei der Parliamentseröffnung 2017.
©APA/AFP/POOL/CARL COURTSelbst der EU-Chefunterhändler Guy Verhofstadt habe sich einen Kommentar nicht verkneifen können. Ihre Ankleiderin Angela Kelly bestand dann zwar darauf, dass die Ähnlichkeit reiner Zufall gewesen sei.
Dennoch, meint Rachimova: Das Bild war gesetzt. „Nicht was sie trug, sondern wie präzise sie verstand, dass das Auftreten immer Kommunikation ist – das machte ihren Stil besonders.“
Eine Tasche für alle Fälle
Ohne ihre meist schwarze, kompakte Handtasche mit dem kurzen Henkel war die Königin nicht komplett. Ein vermeintlich unscheinbares Accessoire mit dem vielleicht mächtigsten Einfluss: Zu weltweitem Ruhm gelangte die Tasche während des Platinjubiläums der Queen 2022. Die Monarchin überraschte mit einem berührenden Sketch. Darin verriet sie Paddington Bär – und somit der Welt – was sie in ihrer schwarzen Handtasche immer bei sich trug: ein Marmeladensandwich für den Notfall.
Eine Erinnerung an den ikonsichen Sketch - mit Päddington Bär und Queen.
©APA/AFP/ROBYN BECKIn der Realität war die Tasche natürlich mit Lesebrille, Lutschpastillen und Füllfederhalter versehen.
Doch wichtiger als der Inhalt war die Positionierung. Baumelte die Handtasche an ihrem linken Arm, soll sie ihren Begleiterinnen signalisiert haben: alles in Ordnung. Wanderte sie auf den rechten Arm war die Königin von ihrem Gesprächspartner gelangweilt und wollte aus der Situation „gerettet“ werden. Und wenn sie die Handtasche auf den Tisch stellte, galt Alarmstufe Rot. Das hieß: „Ich möchte gehen.“
Wie sehr die Queen trotz ihrer Kontinuität auch die schnelllebige Modewelt regierte, zeigte sich besonders deutlich während Richard Quinns Herbst-/Winter-Schau im Februar 2018. „Am Ende des Laufstegs standen drei Sitzplätze, die sehr streng bewacht wurden“, erinnert sich Vogue-Redakteur Hamish Bowles. Plötzlich wurden alle gebeten, Platz zu nehmen. Und dann erschien die Königin. Sie sollte den neuen „Queen Elizabeth II. Award for British Design“ an Designer Quinn überreichen. „Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie elektrisierend es war, in diesem Raum zu sein.“
Das sanfte Hellblau ihres Kostüms war einmal mehr kein Zufall: Es bildeten den perfekten Kontrast zur hektischen Modewelt.
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