Im Bann der Violine: Warum junge Menschen jetzt Klassik lieben
„Ich würde gerne“, sagt Michele Riondino als Antonio Vivaldi im neuen Kinofilm „Vivaldi und ich“, „Musik machen, die begeistert, die besonnen macht, so wie das Leben.“
Bei so einer Musik, denkt man heute schnell an die ausverkauften Konzerte von Taylor Swift oder Coldplay. Bei denen Fans mit roten Backen und verschwitzten Haaren die Lieder inbrünstig mitsingen. Im Venedig des 18. Jahrhunderts, in dem Vivaldi verkehrte, ergriff die erhabene Wucht des Streichquartetts oder die eindrucksvolle Kraft des Basso continuo.
Kompositionen, die an Bedeutung verloren haben? Keinesfalls – das legen jedenfalls die Ergebnisse der Studie „Classical Pulse 2026“ nahe. 15 Prozent der Gen Z und Millennials bezeichnen sich darin als begeisterte Klassik-Anhängerinnen und Anhänger. Das sind fast doppelt so viele wie bei der Generation X und drei Mal so viel wie bei den Babyboomern.
Laut Timothée Chalamet interessieren sich Junge nicht für Oper - doch ganz so stimmt das nicht.
Überraschend sind diese Zahlen auch deshalb, weil Schauspieler Timothy Chalamet die Kulturwelt im März mit der Aussage vor den Kopf gestoßen hat, dass er nie an der Oper oder im Ballett arbeiten möchte. Seien dies Bereiche, in denen es heißt: „Hey, haltet das Ganze am Leben, auch wenn sich niemand mehr dafür interessiert.“
Doch bei genauerem Hinsehen schließen sich die Ergebnisse der Classical Pulse Studie und Chalamet Aussage gar nicht aus. Vielmehr deuten sie auf einen kuriosen Wandel hin: Die klassische Musik, sagt Musiksoziologe Rainer Prokop von der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien, stehe vor einem Dilemma: Es gebe immer mehr Absolventinnen und Abolsventen von Musikhochschulen, gleichzeitig aber immer weniger Fixanstellungsmöglichkeiten bei Opern, Orchestern oder Musiktheatern.
Hindernis als Chance
„Dazu muss man wissen“, ergänzt Prokop, „dass die überwiegende Mehrheit klassisch ausgebildeter Musiker den weißen Mittel- und Oberschichten angehört.“ Eine privilegierte gesellschaftliche Gruppe, die finanzielle und soziale Möglichkeiten hat, mit den Herausforderungen des schrumpfenden klassischen Musikarbeitsmarkts umzugehen. Und so schaffen sich viele ihre Arbeit durch unternehmerische Strategien selbst: neue Musikkonzepte, die ein junges Publikum mit einem Genre in Berührung bringen, mit dem es bis dato wenig vertraut war.
Ein Beispiel: Die Musik-Clips, in denen Emil Jean – seinen Fans besser bekannt als „Emilio Piano“ – auf öffentlichen Klavieren mit seinem Können beeindruckt und dabei von Popgrößen wie Ed Sheeran begleitet wird, erreichen ein Millionenpublikum.
Die interaktiven Auftritte wirken nahezu zufällig, sind jedoch detailgenau geplant. Im Hintergrund steht eine fundierte Ausbildung und ein klares Konzept: Jean hat die Conservatoire régional de Paris und die Schola Cantorum mit Auszeichnung bestanden, bevor ihm 2022 die Idee kam, Musikvideos zu kreieren, die junge wie ältere Menschen mit Musik in Berührung bringen würde.
Auch größere Eventplattformen erkennen das Potenzial. Bereits 2019 tüftelte Veranstalter Fever an Plänen, klassische Musik einem neuen Publikum zugänglich zu machen. Der Veranstalter wollte kürzere Formate an ungewöhnlichen Locations schaffen und ein vielfältigeres Programm anbieten: Komponisten wie Mozart oder Vivaldi aber auch Filmsoundtracks oder moderne Künstler wie Abba klassisch und bei flackerndem Kerzenschein inszeniert. Die Candlelight Concerts waren geboren.
Fever wollte mit den Candlelight Concerts ein neues Publikum anlocken.
Auf das erste Konzert 2019 in Madrid folgten Zigtausende weitere. Allein in Österreich gab es 2.000.
Das Auge hört mit
Das bislang größte Candlelight-Event Europas fand mit 35.000 Kerzen im „Schneewittchenschloss“ Alcázar de Segovia statt. Das Konzert war nicht nur eindrucksvoll zu hören, sondern auch zu sehen. Heutzutage unabdingbar für einen Welterfolg: 61 Prozent der Gen Z und Millennials erfahren über neue Konzerte via Social Media.
Das Event steht in starkem Kontrast zur klassischen Klassik. „Eigentlich“, sagt Prokop, „herrscht in der Klassik die traditionelle Vorstellung, dass man als Interpret ein Medium für ein Werk sei. Dass man also die Werke von weißen, als Genies gefeierten männlichen Komponisten zum Erklingen bringt, während man dabei selbst in den Hintergrund tritt.“ Doch in der neuen Klassik-Bewegung machen sich die Musikschaffenden selbst zur Marke. Spannend, meint der Soziologe, wird es sein, zu beobachten, inwieweit sich hier eine neue Form des klassischen Konzertpublikums entwickelt
Aber gewiss, erinnert Prokop, haben sich Klassik und Popkultur zuletzt immer stärker angenähert – etwa durch den Einsatz klassischer Musik in Videospielen oder Filmen. Man denke an Yann Tiersens melancholische Balladen in „Die fabelhafter Welt der Amélie“, die opulente Kirchenorgelmusik in Hans Zimmers Interstellar-Soundtrack oder den aktuellen Vivaldi-Film.
Cecilia widersetzt sich den Rollenklischees ihrer Zeit.
Dieser Spielfilm zeigt noch eine andere Entwicklung. „Ich bin keine erste Geige, das kann ich nicht sein“, erwidert das Waisenmädchen Cecilia (gespielt von Tecla Insolia), als Vivaldi ihre Begabung erkennt. Denn natürlich zeichnet sich die klassische Musik nicht nur durch komplexe Instrumentierung, ausgefeilte Harmonien und präzise Notenschrift aus, sondern, sagt Prokop, „auch als Distinktionsmittel der herrschenden Klasse“. Klassik, so die Annahme, ist etwas für die oberen Zehntausend.
Doch ebenso wie Cecilia im Film wollen das in der realen Welt immer weniger akzeptieren.
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