Dune bis Tarot: Alejandro Jodorowskys grenzenlose Welt
Er wollte keinen Film, sondern Bewusstsein erschaffen: Sein Dune scheiterte – und wurde dennoch Kult. Das ist Alejandro Jodorowskys radikales Werk.
Sein berühmtester Film ist vielleicht der, den er nie gedreht hat: Alejandro Jodorowskys „Dune“ ist das große, leuchtende Phantom der Filmgeschichte. In den 1970er-Jahren wollte er Frank Herberts „unverfilmbaren“ Science-Fiction-Roman auf die Leinwand bringen.
Die Besetzung liest sich bis heute wie ein Fiebertraum des Pop: Mick Jagger soll ihn auf einer Party um eine Rolle angebettelt haben.
Salvador Dalí sollte für Dune eine Rekordgage bekommen
Den grummeligen Orson Welles überzeugte Jodorowsky – wie er in Frank Pavichs Dokumentarfilm „Jodorowsky’s Dune“ erzählt – mit dem Versprechen eines eigenen Gourmetkochs am Set. Für Salvador Dalí standen 100.000 Dollar pro Drehtag im Raum – ein Rekord.
Ich wollte ein Äquivalent schaffen zu dem, was die Menschen damals unter LSD erlebten.
Künstler, die das Science-Fiction-Bild unserer Epoche prägten, waren an Bord: H. R. Giger entwarf Biomechanik, Illustrator Chris Foss plante Raumschiffe, der Comic-Magier Moebius zeichnete Storyboards; die Musik sollte von Pink Floyd kommen.
Es war ein gigantisches Projekt, das mehr sein sollte als nur ein Film: „Ich wollte ein Äquivalent schaffen zu dem, was die Menschen damals unter LSD erlebten. Ich wollte keinen Film machen, sondern etwas Tieferes, etwas Heiliges und Freies. Eine Öffnung des Bewusstseins“, sagte Jodorowsky 2013 bei den Münchner Filmtagen, laut Welt.
Vorbild für Star Wars
Das Projekt uferte aus, die Filmindustrie bekam kalte Füße. Als 1984 David Lynch seine Dune-Version ins Kino brachte, nahm Jodorowsky es mit Gelassenheit: Auch Lynch war am Stoff gescheitert. Die Entwürfe von damals beeinflussten später aber andere Science-Fiction, von „Star Wars“ bis „Alien“.
In Poesía sin fin verfilmte Alejandro Jodorowsky (re.) seinen Werdegang .
©Taschen Verlag CreditWie Jodorowskys Film ausgesehen haben könnte, zeigen nun Ausschnitte im luxuriösen Doppelband „Alejandro Jodorowsky. Art Sin Fin“ aus dem Taschen-Verlag. Es ist die umfassendste Bestandsaufnahme seines Schaffens und bietet Grenzüberschreitungen zwischen Kino, Grafik und Ritual. Jodorowsky wählte die Bilder mit Herausgeber Donatien Grau vom Louvre aus.
Alessandro Jodorowsky spielt mit der KURIER freizeit
Mit „Dune“ dürfte er seinen Frieden gemacht haben. „Dune existiert nicht, aber tausende Möglichkeiten“, sagt Jodorowsky im Gespräch mit der per Videokonferenz aus seiner Wohnung in Paris. „Du kannst entscheiden, ob du ein Künstler bist. Du kannst ein Ozean sein, ein Baum. Was ist Kino? Kino ist ein Spiel – und es existiert nicht.“
Mit vier Jahren fing ich an, so zu sein, wie ich heute bin.
Der fast 97-Jährige hat den Schalk im Nacken. Statt Fragen zu beantworten, improvisiert er: „Wir spielen ein Spiel. Sie wollen etwas von mir nehmen. Und ich versuche, Ihnen glaubhaft zu machen, dass ich nicht existiere.“
Nicht nur seine Gedanken sind bemerkenswert, sondern auch sein Werk ist es. Jodorowskys Laufbahn endete nicht mit „Dune“; sie begann lange vor diesem Projekt und ging danach erst weiter. „Mit vier Jahren fing ich an, so zu sein, wie ich heute bin“, sagt er.
Als Kind einer jüdischen Familie wuchs er in Chile auf und ging nach Paris, um Pantomime zu studieren. Seinen ersten Kurzfilm „La Cravate“ drehte er 1957 nach Thomas Manns Novelle „Die vertauschten Köpfe“.
"La Cravate“ war von Thomas Manns Novelle „Die vertauschten Köpfe“ inspiriert.
©Taschen Verlag CreditDer Western „El Topo“ machte ihn Anfang der 1970er zum Kultregisseur der Mitternachtsvorstellungen: ein sogenannter „Acid Western“, voller Blut, Staub, Sinnsuche – und Schildkröten, die bei wichtigen Szenen auftauchen. In New York wurde „El Topo“ zum Underground-Hit; John Lennon sah ihn nachts im Kino und war so begeistert, dass er den nächsten Film „The Holy Mountain“ mitfinanzierte, der die Bildwelt zur Ekstase treibt.
In der Kollegenschaft hat Jodorowsky Kultstatus. Quentin Tarantino und Helge Schneider nennen ihn einen ihrer Lieblingsregisseure.
Später schrieb Jodorowsky seine Fantasien auf Comic-Seiten; viele Bilder dazu stammen vom Kultzeichner Moebius. Mit seiner Frau Pascale Montandon-Jodorowsky schuf er fantastische, fröhliche Aquarelle. Dazu entwickelte er eine eigene Therapie, die Psychomagie: Ratsuchende erhalten einen „psychomagischen Akt“ verordnet. Freuds Unbewusstes trifft auf Elemente des Schamanismus und den Tarot.
Tarot zur Heilung
Der Tarot de Marseille ist für ihn das maßgebliche System; andere Decks gelten ihm als Ableitungen. Gemeinsam mit Philippe Camoin rekonstruierte er ein eigenes 78‑Karten-Deck.
Mit Philippe Camoin entwarf Jodorowsky ein Marseille-Tarot.
Für Jodorowsky ist Tarot ein System zur Selbsterkenntnis und Heilung. Lange zog er in Pariser Cafés Karten für Menschen, die ihn dort trafen. Das Besondere daran? Es ist jedes Mal anders“, sagt er. Und: „Du kannst ein Meister sein, aber du weißt nicht, warum.“
Wir wissen nicht, was das Leben ist, wir wissen nicht, was das Universum ist. Wir wissen gar nichts. Und das ist fantastisch.
Sein Werk ist oft provokant, kreist um Sex und Tod. Auf jeden Fall ist es extravagant. Seine Poetik ist radikal: „Kunst ist schwierig – oder auch nicht. Weil Kunst nicht existiert. Das ist eine Erfindung.“ Und sehr oft stößt man bei ihm auf staunendes Nichtwissen: „Wir wissen nicht, was das Leben ist, wir wissen nicht, was das Universum ist. Wir wissen gar nichts. Und das ist fantastisch.“
Die Gegenwart zählt
Kein Wunder, dass er häufig als Surrealist etikettiert wird – doch er möchte sich keiner Bewegung und keiner Epoche zuordnen. Die Surrealisten kennt und respektiert er, aber sie sind Vergangenheit. „Für mich zählt die Gegenwart: weitermachen heißt erschaffen.“
Seit einigen Jahren postet Jodorowsky regelmäßig in den Sozialen Medien positive, philosophische Botschaften – und erreicht damit über vier Millionen Follower allein auf Facebook. „Das ist gut, das ist neu für mich.“
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