Blau vom Acker: Wo in Österreich Farben wachsen
Als Gegenbewegung zu Billigfarben aus China oder Pakistan entsteht in Österreich eine neue Naturfärberei.
Tristan Toé, der aus Mali gebürtige Franzose, und Jahwezi Graf betreiben am Wachtberg im südlichen Waldviertel „BIOsain“. Diese Landwirtschaft mit Direktvermarktung ist nach den Gesichtspunkten der „Marktgärtnerei“ ausgerichtet, die besonderes Gewicht auf Bodenfruchtbarkeit legt. Der Boden wird nicht nur geschont, er wird laufend regeneriert.
Um all das zu lernen und zu praktizieren, war Tristan Toé nach Österreich gekommen, zuerst zu „Reinsaat“ mit seiner Biosaatgutproduktion, dann zur „Arche Noa“, die alten, raren Sorten den Weg bereitet hat. „Ich wollte auch Färber- und Faserpflanzen, beispielsweise Flachsanbau, dabeihaben“, sagt Toé.
Heute gibt es einen Schaugarten auf 100 m2, mit Pflanzen, die das Ausgangsmaterial für Farbpigmente liefern, wie Indigo, Färberkrapp, Färberdistel, Färberkamille. Auch Baumwolle wird angebaut, Sorten, die gleich bunt wachsen, jetzt einmal in Braun, es gibt sie aber auch in Grün.
Indigo-Ernte: Biogärtner Tristan Toé und die Textilkünstlerin und Forscherin Karin Altmann.
©julia weselyIndigo-Anbau in Österreich
Ausgehend von einem Forschungsprojekt mit japanischem Indigo, das Karin Altmann, Textilkünstlerin, Forscherin und Lehrende an der Universität für Angewandte Kunst in Wien, leitete, werden heute bei „BIOsain“ eine tropische Indigo-Art und eine japanische erfolgreich im Freiland angebaut. Dazu kommt noch der heimische Färberwaid, der ebenfalls der Gewinnung des Indigopigments zur Blaufärbung von Textilien dient.
So wird das Pigment gewonnen
Ernten kann man, je nach Art, bis zu dreimal jährlich und bis in den Herbst hinein. Dann werden die Blätter und Stängel in Wasser eingeweicht, anschließend bis zu 24 Stunden fermentiert und die Pflanzenreste als Dünger verwendet. Am Ende des komplexen Extraktionsprozesses setzt sich das Pigment als blaue Paste am Boden des Behälters ab.
Der Rotton der Wolle stammt von Krapp aus dem Färberpflanzengarten von BIOsain im Waldviertel.
©julia weselyZiel ist es, die natürliche Indigo-Färberei und den Anbau von Färberpflanzen für Einzelpersonen und Gemeinschaften zu fördern. Interessierte am Anlegen eines eigenen Färbergartens können im August einen Kurs mit Tristan Toé und Karin Altmann an der GEA-Akademie in Schrems buchen.
Billigfarbstoff verdrängte Naturfarben
Bis 1869 hatte man weltweit mit Naturfarben gefärbt. Dann kam alles anders. Der Chemiekonzern BASF konnte von da an den roten Farbstoff aus der Krappwurzel, das Alizarin, aus Steinkohlenteer billig synthetisch herstellen. Auch für das Indigoblau fand sich damals ein Pendant aus dem Labor. Die Technik des Naturfärbens war nun nicht mehr gefragt.
Zehntausende verschiedene synthetische Farbstoffe beherrschen jetzt den Markt. 22 der sogenannten Azo-Farben sind, weil als krebserregend und erbgutschädigend eingestuft, in der EU verboten. Über die massiven Importe billiger „Fast Fashion“ aus dem globalen Süden kehren sie aber wieder zurück.
Ein Baumwollfeld gibt es bei „BIOsain“ im Waldviertel.
©Karin AltmannGegenbewegung
Doch es formiert sich eine Gegenbewegung. So hat, initiiert von der Wirtschaftsagentur Wien, die Plattform „Biofabrique Vienna“ Expertinnen und Experten aus der Pflanzenchemie und der Modebranche, darunter auch Karin Altmann, zusammengeführt. Sie untersuchen, aus welchen Lebensmittelabfällen sich natürliche Farbpigmente gewinnen lassen. Im Test sind beispielsweise Avocadokerne oder Paprika- und Tomatengrün, das sonst nach der Ernte auf den Feldern verbleibt.
Im Färbergarten wachsen Färberwaid, aus dem man blauen Farbstoff gewinnt und Krapp für den roten.
©Karin AltmannMit in diesem Team ist Rudolf Fritsch, der schon seit 20 Jahren im familieneigenen Färbereibetrieb in Wien-Inzersdorf mit Naturfarben arbeitet. Er kann eine breite Palette an Farbtönen vorlegen, licht-und waschecht, ökologisch sauber hergestellt.
Fritsch dürfte im deutschsprachigen Raum der Einzige sein, der das gewerblich und professionell im größeren Umfang betreibt. Tochter Lisa Mladek und Designerin Antonia Maedel produzieren unter dem Label „Rudolf“ Mode und Heimtextilien aus Naturmaterialien und mit seinen Farben. „Leider“, sagt Fritsch, „wissen zu wenige Leute, dass es so etwas überhaupt gibt“. Einen Merinopullover erwirbt man zu 285 €. Davon gehen nur wenige Euro auf Kosten der Naturfärbung, Preistreiber ist die regionale Fertigung in einem Umkreis von maximal 250 km.
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