Austria Calling: Pop aus Österreich startet international durch!
Zwischen Dialekt und globalen Beats formiert sich eine Szene, die keine Grenzen mehr kennt. Diese Künstlerinnen und Künstler haben das Zeug zu Österreichs nächsten Pop-Exporten.
Österreich und Pop – das war lange eine komplizierte Beziehung. Zwischen Dialekt-Genie und Indie-Nische, zwischen Falco und Bilderbuch gab es oft viel Talent, doch selten drängte der Erfolg über die Landesgrenzen hinaus. Das könnte sich bald ändern.
Erstens wurden seit Spotify, YouTube, TikTok & Co. Landesgrenzen ohnehin, wenn nicht obsolet, dann doch entschieden verwaschen. Zweitens, und das ist der noch erfreulichere Grund, ist die neue Generation an Musikern und Musikerinnen selbstbewusst, international anschlussfähig – und vor allem endlich lässig genug, um nicht mehr angepasst auf den schnellen, kleinen Erfolg in einer regionalen Wirkungsstätte zu setzen.
Da ist zum Beispiel Eli Preiss, eine Künstlerin „nach vorne“, die Pop wieder groß denken will, ohne dabei peinlich zu werden – ein Kunststück, an dem schon viele gescheitert sind. Sie steht vielleicht an vorderster Front, wenn es um „Internationalität“ geht. Und das, obwohl sie nach englischem Beginn auf Deutsch zurückgewechselt ist. Aber es sind eben Attitude und zeitgemäße Sounds, die das Gesamtpaket ausmachen.
Über den Tellerrand
Mit Bibiza erschien vor drei Jahren ein junger Mann auf der Bühne, der sofort als „neuer Falco“ betitelt wurde. Vielleicht hat Franz Laurenz Bibiza, wie er mit vollem Namen heißt, auch tatsächlich mit diesem Image gespielt.
Provokant lässig? Wer kann, der kann – Bibiza hat, was ein Star braucht. Und zum Glück schreibt er auch gute Songs!
©EPA/ANTHONY ANEXFest steht, dass er sich spätestens mit seinem Album „Bis einer weint“ dieser Kategorisierung entzogen hat. Hochdeutsch, Wienerisch, Rap, Rock, Pop – alles ist möglich im Universum des 26-Jährigen Wieners. Und gerade deshalb wartet man gespannt auf seine neue Platte, die diesen Sommer erscheinen soll.
Doch die beiden sind keinesfalls allein. Mit OSKA verfügt Österreich über eine Songwriterin, deren melancholischer Indie-Folk längst internationale Bühnen erreicht hat.
Das Alleinsein habe ihr geholfen, wieder Vertrauen in Menschen zu fassen: die österreichische Musikerin Oska.
©Ines FutterknechtIhre Musik klingt, als wäre sie zwischen Nashville, London und Wien entstanden – ein Sound, der Grenzen nicht kennt und gerade deshalb funktioniert. Ebenso vielversprechend ist Nenda, die mühelos zwischen Sprachen und Genres wechselt, so wie sie eben zwischen Londons Theaterszene und Wien pendelt, und mit globaler Selbstverständlichkeit da wie dort Urban Pop neu interpretiert.
Auch Uche Yara gehört zu jener Generation, die eher wie ein internationaler Geheimtipp als ein lokales Talent wirkt.
Die Multiinstrumentalistin verbindet Indie, Soul und Alternative zu einem Sound, der ebenso eigenwillig wie weltläufig ist. Ihre Karriere steht exemplarisch für eine Entwicklung, in der Herkunft nicht länger als Grenze, sondern als Ausgangspunkt verstanden wird.
Pop darf dabei auch wieder Spaß machen. Esther Graf liefert eingängige Hooks mit internationalem Appeal, während die jungen, frechen Musikerinnen von Lovehead mit Songs wie „Erdnussallergie“ rotzigen Charme und Zeitgeist vereinen.
Alles ist möglich!
An dieser Stelle sollte man auch Anna Buchegger nicht vergessen: Der jungen Künstlerin aus dem Salzburgischen ist es tatsächlich gelungen, Dialektmusik auf eine internationale Ebene zu hieven. Ihre Texte sind so kompromisslos im Dialekt, dass sie außerhalb ihres Abtenauer Umfelds schon nicht mehr zu 100 Prozent verstanden werden. Was erstaunlicherweise völlig egal ist!
Tradition und Moderne: Niemand verbindet das so zeitgemäß wie Anna Buchegger
©DieidaWeil ihre Grooves und Hooks dermaßen am Puls der Zeit sind, dass es den Kids in Frankreich, Holland oder England völlig wurscht ist, ob sie nun im finnischen Sami oder im South-Central-Slang singt, den sie ebenso wenig verstehen würden.
Mit Alles Exhausted formiert sich inzwischen auch eine heimische „Supergroup“, die bereits mit ihrem Namen den Nerv einer überreizten Gegenwart trifft – ironisch, selbstreflexiv und musikalisch ambitioniert. Und wer die fantastischen jungen Indie-Rocker Gardens bisher nicht gehört hat, hat ganz einfach etwas überhört.
Was all diese Acts verbindet, ist mehr als nur Talent. Es ist ein neues Selbstverständnis. Die österreichische Popmusik muss sich nicht länger entscheiden, ob sie lokal oder international sein will. Sie ist beides zugleich. Dialekt ist kein Hindernis mehr, sondern ein Stilmittel; Englisch keine Notlösung, sondern eine Option.
Entscheidend ist nicht mehr die Herkunft, sondern die Haltung.
Vielleicht liegt genau darin der Unterschied zu früher. Während frühere Generationen zwischen Anpassung und Eigenständigkeit schwankten, denkt die neue Szene global. Sie orientiert sich an internationalen Produktionsstandards, ohne ihre Identität zu verlieren. Der „österreichische Sound“ ist kein klar umrissenes Genre mehr, sondern ein vielstimmiges Versprechen. Ob daraus eine nachhaltige Exportwelle wird, bleibt abzuwarten. Doch die Voraussetzungen waren selten so gut.
Und zum ersten Mal seit den Tagen von Falco wirkt es, als müsste sich österreichischer Pop nicht mehr erklären – sondern nur noch gehört werden.
Playlist "Made in Austria"
Lukas Oscar: „Amazin“
Sunniest Vibes des letzten Jahres. Hören, Augen zu, mitswingen: „Join me ...“ Dem Mann gehört die Zukunft!
Eli Preiss: „ 20 & Irgendwas“ Könnte ein neuer Sommerhit werden. Weltweit. „Bangkok, Wien, Berlin ... noch nichts in der Hand aber ich hab viel vor ...“ Jawoll!
Bibiza: „Bis einer weint“ Hier kommt alles zusammen: Genuss, Destruktion, Lifestyle, Pop und Grunge-Feeling. Ein potenzieller Superstar. Wir warten aufs neue Album.
Lovehead: „Erdnussallergie“ Der Song wurde letztes Jahr zum Tik-Tok-Hit, mittlerweile haben die drei 20-Jährigen mit „Sex am See“ und „Sommerwind“ heftig nachgelegt.
OSKA: „Gloria“ Seit Jahren eine heimische Songwriter-Fixgröße, wir sagen: Jetzt wird’s international. Und zwar vollkommen zu Recht! Seit den wunderbaren Big Thiefs hat man nichts Schöneres mehr gehört.
Esther Graf: „Dafür war es echt“ Gute Laune ist nichts Schlechtes – und Partypop kann auch echt leiwand sein. So wie der von Esther!
Gardens: „ Thunderstealer“ Julia Jacklin und Sharon Van Etten stehen im Raum aber nicht im Weg – DIE Indierock-Entdeckung der letzten Jahre. Auch stark: „Black Dog“ und der Erstling „Flaws“.
Anna Buchegger: „Verwöhnt“ Die derzeit vielleicht spannendste Musikerin Europas mit einem etwas untypischen Song. „Verschwende deine Jugend“ im Dialekt.
Uche Yara: „ Zuu “ Groovt endlos, die renommierte „A Colors Show“ nahm sie ins Programm. Wir sind gespannt, was als nächstes kommt.
Filly: „Serious (feat. The Teenagers“ Wow, das sind mal fette Electronics! Fängt an wie die legendäre Anne Clark, biegt dann Richtung Banger ab – absolut lässig.
Nenda: „Mountain Goat“ Die Tiroler Wahl-Londonerin bringt alpine Vibes in den UK-Hip-Hop. Klingt spannend. Ist es auch.
Alles Exhausted: „Alles so verbraucht“ Best Shoe-Gaze-Rock of the Moment. Gitarrenwände, fantastische Sängerinnen – die „Supergroup“ hält, was sie verspricht.
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