Der Mann, den alle lieben: Harry Styles
Vom Casting-Boy zum globalen Pop-Phänomen: Harry Styles' neue, in Berliner Clubnächten geborene, Platte erklärt, warum ausgerechnet er dem Boyband-Fluch entkam.
Berlin, 4 Uhr früh. Der Bass drückt, der Nebel steht tief, Schweiß glänzt auf Beton. Zwischen Türstehern, Techno-Puristen und durchgetanzten Nächten steht plötzlich einer der größten Popstars der Welt – und will nicht erkannt werden, sondern dazugehören. Genau hier, in den Clubs von Berlin, soll Harry Styles die entscheidende Inspiration für sein neues Album gefunden haben.
„Kiss All The Time. Disco, Occasionally“ heißt seine vierte Platte. Ein Titel wie ein augenzwinkerndes Mantra zwischen Hedonismus und Selbstironie. Wer die ersten Songs hört, merkt sofort: Das ist kein weiteres Gitarren-Pop-Statement, sondern ein tanzbares, elektronisch grundiertes Werk. Pulsierende Beats, schimmernde Synths, weniger Laurel-Canyon-Romantik, mehr Körperlichkeit.
Styles selbst spricht davon, wieder Musik machen zu wollen, „zu der man sich bewegen kann“. Nicht Stadionchöre stehen im Vordergrund, sondern die Idee von Gemeinschaft – von Fremden, die sich im Takt verlieren. Als ästhetischer Referenzpunkt fällt immer wieder der Name LCD-Soundsystem: intelligente Tanzmusik, melancholisch und ekstatisch zugleich.
Stilsicher ist auch Harry’s Mix aus Micro- und Old-School-Tattoos. Der Mann weiß, was er macht
©EPA/CAROLINE BREHMANUnd natürlich schwingt in der Berlin-Erzählung sofort ein Mythos mit – das Berghain als Symbol für radikale Nachtkultur. Ob er dort tatsächlich unerkannt blieb oder nicht, ist fast nebensächlich. Wichtiger ist das Bild: Ein globaler Superstar, der sich in der anonymen Masse verliert. Kein VIP-Bereich, keine Pyro-Show. Nur Bass.
Es ist eine überraschende Volte. Und gleichzeitig die logische Fortsetzung einer Karriere, die sich nie mit dem Offensichtlichen zufriedengab.
Vom Casting zur kulturellen Instanz
Der Ausgangspunkt ist bekannt: 2010 tritt ein 16-Jähriger bei der britischen Version von The X Factor an...
Als Solokandidat scheitert er – und wird von der Jury in eine neu formierte Gruppe gesteckt. Der Rest ist Popgeschichte: One Direction wird zur erfolgreichsten Boyband ihrer Generation. Fünf Alben in fünf Jahren.
Weltweite Hysterie. Teenagerträume im Fünferpack. Und wie immer bei Casting-Phänomenen steht irgendwann die Frage im Raum: Was bleibt, wenn der Hype sich verteilt? Wenn aus fünf Idolen fünf Einzelkämpfer werden? Der „Fluch der Boybands“ ist real. Die Fanbasis fragmentiert sich, das Image klebt, der Ernsthaftigkeitsbonus fehlt. Viele Ex-Mitglieder solcher Formationen bleiben Nostalgiefiguren ihrer eigenen Jugend.
Vor 14 Jahren bei den MTV Awards: One Direction mit dem jungen Harry Styles (Mitte)
©mauritius images / imageBROKER / Lumeimages/imageBROKER / Lumeimages/mauritius imagesHarry Styles entkam diesem Schicksal – und das ist vielleicht sein eigentliches Kunststück.
Bruch und Neuerfindung
Sein Solo-Debüt 2017 war kein kalkulierter Radiopop, sondern eine bewusste Irritation. Gitarren, 70er-Ästhetik, Classic-Rock-Anleihen. Kein aggressiver Befreiungsschlag, sondern eine elegante Verschiebung. Mit „Fine Line“ wurde aus der Verschiebung ein Statement. „Watermelon Sugar“ brachte ihm den Grammy, die Tourneen wurden größer, das Publikum diverser.
Spätestens „Harry’s House“ (2022) machte ihn endgültig zum Mainstream-Phänomen. „As It Was“ dominierte Charts weltweit – und gewann ihm eine Generation hinzu, die mit One Direction nie etwas zu tun hatte. Er war nicht mehr „der aus der Boyband“. Er war Harry Styles.
Harry’s Style
Es gibt Stars, die provozieren. Und es gibt Stars, die integrieren. Styles gehört zur zweiten Kategorie. „Treat People With Kindness“ ist kein ironisches Motto, sondern Markenkern. Seine Konzerte gelten als Safe Spaces – besonders für junge Frauen und queere Fans. In einer oft zynischen Popwelt wirkt diese Offenheit beinahe subversiv.
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Styles spielt mit Mode, Silhouetten, Gendercodes. Glitzeranzügen, Perlenketten, fließenden Stoffen. Aber er formuliert daraus kein Manifest. Er lebt die Mehrdeutigkeit, ohne sie zu predigen. Genau das macht ihn anschlussfähig: Ambiguität statt Kampfansage.
Und Harry meint es gefühlt Ernst mit allem, was er tut. Ganz ohne Angst vor Pathos. Er erlaubt sich große Gefühle. Sehnsucht, Euphorie, Verletzlichkeit – ohne sie sofort ironisch zu brechen. Das wirkt altmodisch. Und gerade deshalb modern. Das ist erfrischend.
Um einen alten Werbespruch zu zitieren: "You’ve come a long Way, Baby!" Harry Styles auf dem Vogue-Cover
©VogueEin Vergleich liegt natürlich mehr als nahe: Der mit Robbie Williams, einst Mitglied von Take That. Auch Williams schaffte den Solo-Durchbruch. Doch seine Karriere war geprägt von Exzessen, Selbstzweifeln, öffentlicher Selbstzerstörung als Erzählung.
Harry Styles steht für eine Form von Popmännlichkeit, die weniger aggressiv, weniger selbstzerstörerisch daherkommt. Er ist erfolgreich, aber nicht überheblich. Erotisch, aber nicht bedrohlich. Emotional, ohne sich in Pose zu werfen.
Wahrscheinlich erklärt das seine fast uneingeschränkte Akzeptanz: Er ist Superstar – und zugleich der Typ, der um vier Uhr morgens im Berliner Club tanzt.
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