Die Revolution trägt Lesebrille: Biker in den "besten Jahren"
Auf Bikertreffen sieht man immer mehr distinguierte Herren mit grauen Schläfen. Warum? Sie holen sich einen Traum zurück, der aus finanziellen Gründen lange warten musste.
Mit 25 träumt man von der Freiheit – mit 52 zahlt man sie bar. Und diese Freiheit hat immer öfter zwei Räder. Ordentlich PS. Und jede Menge Chrom. Motorräder bei Männern über 50 liegen im Trend, die Verkaufszahlen steigen, vor allem im hochpreisigen Segment.
Ossi Manojlovic ist einer der Männer, die sich ihren Traum wahr gemacht haben. Er ist 61, studierter Luft- und Raumfahrttechniker und arbeitete jahrzehntelang in leitender Position in der Entwicklungsabteilung von Mercedes-Benz.
Mittlerweile ist er in Pension. Und wenn er nicht auf exotischen Golfplätzen seinen verdienten Ruhestand genießt, dann tut er das im Sattel seiner Harley Road Glide ST. Gerne auch auf Biker-Treffen – und seit gut zehn Jahren immer auf der European H.O.G. Rally, einer der größten Veranstaltungen ihrer Art. Mehrere Tausend Fahrer reisen aus ganz Europa jährlich quer durch den Kontinent, um am Zielpunkt Camping, Konzerte und Grillstände zu zelebrieren.
Weshalb verbinden wir ein Luxusmotorrad eigentlich mit Rebellion? Das scheint doch ein absoluter Widerspruch zu sein.
„In den 1960ern“, erklärt Ossi M., „waren gebrauchte Harleys in den USA sehr billig zu bekommen. Man kaufte sich eine, schraubte ein bisschen daran herum, lackierte sie neu, machte sie lauter, persönlicher, wilder – und hatte plötzlich ein individuelles Fortbewegungsmittel, das auch als politisches Statement taugte.“
Eine Rebellion gegen Suburbia, ein Haus mit Vorgarten und einem trägen Familien-Kombi. Peter Fonda und Dennis Hopper lebten diesen Traum dramatisch auf der Kinoleinwand aus, wurden zu Poster-Helden einer Generation.
Der Easy-Rider-Spirit
Aber: In Europa waren gebrauchte Teile kaum zu bekommen, und ab den 1990ern wurden die Eisen so teuer, dass junge Menschen kaum in der Lage waren, sich ein neues zu kaufen. Die Preise stiegen weiter. Gutes Product Placement – „unser“ Arnie Schwarzenegger etwa in „Terminator 2“ – sorgte für zusätzlichen Hype.
Heute bekommt man im Cruiser-Segment, also den langstrecken-geeigneten Hobeln, mit denen man am liebsten zu diversen Treffen fährt, kaum einen „Hingucker“ unter 30.000 Euro. In der Standard-Variante, ohne Extras.
Geht man „all in“, legt man für eine Premium-Maschine wie die CVO Road Glide ST schon auch gut 59.000 Euro ab. Ohne besondere Extras. Dafür standardmäßig: 1.977 Ccm, 128 PS, ein Drehmoment von 193 Nm bei 3.750 U/min und knapp 400 kg. Da hat man schon einiges an roher Power unterm Hintern.
Kenner lassen sich hier nicht von den vergleichsweise geringen Pferdestärken täuschen: Die unglaubliche Kraft der Maschine kommt von unten raus, schon bei niedriger Drehzahl, aus den beiden beinahe 1.000 Ccm großen Zylindern. Das spürt – und hört man.
Es MUSS natürlich kein Eisen aus der legendären Schmiede in Milwaukee, Wisconsin, sein, wo William S. Harvey und die Brüder Davidson 1905 ihre ersten drei Motorräder verkauften. Im gesamten Jahr, wohlgemerkt. Aus Japan kommt seit Jahrzehnten die Gold Wing von Honda, die mittlerweile beinahe ebenso kultisch verehrt wird wie das große Vorbild aus den USA.
Und mit deutlich über 30.000 Euro auch nicht unbedingt für ein studentisches Budget gedacht ist.
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Auch BMWs wie die K1600 oder die R18 tragen Banker und Ex-CEOs zuverlässig quer durch Europa Richtung großer Freiheit.
Harley Parking Only
Prinzipiell sind bei H.O.G.-Events wie der Super Rally, die heuer im Mai in Dänemark stattfinden wird, alle Biker gerne gesehen. Man grillt, campt, hört Rockmusik und tauscht sich ein bissl aus. Wer selbst zangelt, holt sich ebenso Tipps wie jene Fahrer, die das lieber von Fachwerkstätten erledigen lassen.
Man sieht Männer – und natürlich auch Frauen – in abgeschnittenen Designer-Jeansjacken über Lederjacken ebenso wie gabelbärtige Männer in den berühmten „Kutten“, den bestickten Clubwesten, also die tragbaren „Visitenkarten“ der diversen Motorrad-Clubs.
„Aber da gibt’s kaum Berührungsängste. Bei so einem Event steht das Verbindende im Vordergrund“, erklärt Ossi Manojlovic.
Das Verbindende hat aber doch Grenzen: Nur Fahrer der drei US-Hersteller Harley Davidson, Indian und Victory dürfen mit ihren Bikes aufs Festivalgelände. „Alle anderen müssen draußen parken“, sagt Manojlovic schmunzelnd.
Dass ein Mann wie er, der sein Berufsleben lang an motorischen Innovationen und Optimierungen getüftelt hat, sein Herz an die so robusten wie innovationsresistenten Büffel aus den Vereinigten Staaten verloren hat, ist wahrscheinlich bezeichnend für die gesamte Szene. Denn es ist genau der Traum, der damals Peter Fonda & Co. über die Highways gleiten ließ: Einfach losfahren.
„Du brauchst nicht viel mehr Technik. Wenn du Hubraum hast und Drehmoment, dann reicht das.“
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