2026: Warum Sie heuer auf Sex-Vorsätze verzichten sollten
Neujahrsvorsätze fürs Schlafzimmer? Bitte nicht! Am schönsten wird’s, wenn niemand etwas erwartet.
Gegen Jahresende entsteht oft eine merkwürdige Atmosphäre: Die Menschen ziehen Bilanz, erstellen Tabellen, zählen Schritte, Kalorien, Laster. Sie werden Mitglied im Fitnessstudio, obwohl sie innerlich genau wissen, dass sie maximal zweimal hingehen werden. Sie kaufen Achtsamkeitsjournale, die am Dreikönigstag schon wieder unter dem Sofa liegen, und lassen sich von Apps erklären, wie man „endlich wieder man selbst wird“. Und manchmal, ja manchmal geht’s dann auch um Sex.
Vielleicht finden sich um diese Zeit deshalb zahlreiche Tipps in Sachen „Erotisch ins neue Jahr“, samt guten Vorsätzen, etwa: „Neue Orte im Haus für Sex finden“ (hm, was tun Nicht-Hausbesitzer in ihrer Zwei-Zimmer-Wohnung?). Oder: „Endlich die passenden Kondome probieren“ (hm, warum erst jetzt?). Sowie: „Strippen lernen“ (hm, er oder sie?). Und da wären ja noch diese Lifestyle-Ratschläge, die klingen wie aus einem esoterischen Baumarkt: „Sex-Chakren reinigen“, „Mut zur Tantralust“ oder „Den Genitalbereich energetisch aufladen“ – alles schön und gut, nur: Die meisten Menschen sind Ende Dezember so erschöpft, dass sie froh sind, wenn sie überhaupt noch die Fernbedienung halten können. Geschweige denn den inneren Tiger entfachen.
Genau hier lohnt sich ein radikaler Gegenentwurf. Ein Vorsatz, der keiner ist. Ein Anti-Vorsatz. Ein befreiendes Lassen wir’s sein – im Sinne von „sein dürfen“. Kein „2026 vögeln wir bis die Matratze glüht“. Kein „Wie wäre es mit einer neuen Technik?“.
Vollgas? Neuanfang?
Und es kommt noch etwas dazu: Der Jahreswechsel ist die Zeit, in der man einen gewissen Optimismus simulieren soll. „Neuanfang! Veränderungen! Vollgas!“ Während der Körper flüstert: Bitte erst Kaffee. Kein Wunder also, dass sich viele beim Thema Sexvorsätze fühlen wie in Sachen Fitnessstudio: Man weiß, theoretisch wäre es gut, praktisch hat man immer gerade einen Grund, warum heute doch nix ist. Genau hier lohnt sich ein radikaler Gegenentwurf. Ein Vorsatz, der keiner ist. Ein Anti-Vorsatz. Ein befreiendes Lassen wir’s sein – im Sinne von „sein dürfen“. Kein „2026 vögeln wir bis die Matratze glüht“. Kein „Wie wäre es mit einer neuen Technik?“.
Nein, einfach nein. Denn nichts ruiniert die Lust so zuverlässig wie der Versuch, sie in ein To-do-Korsett zu stecken. Nope, die lässt sich nicht bestellen wie ein Heizungsinstallateur oder ein Biokisterl. Lust hat keine Öffnungszeiten und schon gar keinen 10-Punkte-Plan. Also wäre es vielleicht heilsam, keine Erwartungen im Sinne eines „Wir sollten“ mit sich herumzuschleppen. Sex, der stattfinden muss, fühlt sich selten authentisch an. Und ganz oft auch nicht wie Nähe, sondern wie Performance. Der Anti-Vorsatz lädt zu etwas anderem ein: neugierig zu bleiben. Sich zu fragen, wie der Körper heute eigentlich gestimmt ist. Ob er heute Küsse braucht, Wärme. Streicheln. Schlaf, Ekstase. Vielleicht gar nichts. Vielleicht ganz, ganz viel. Und dass das völlig okay ist. Manchmal ist es sogar mutiger, ehrlich zu sagen: „Heute nicht“ – als sich durch eine ritualisierte Vorsatz-Intimität zu würgen. Manchmal entsteht genau dann eine Form von Intimität, die echter ist als alles, was man geplant hätte. Der ultimative Luxus 2026: nicht mehr zu wollen, sondern anders. Und mitunter: überhaupt nix. Möglicherweise passiert dann genau das, was am seltensten passiert und am meisten fehlt: ein Moment echter, unangestrengter Nähe.
Lesenswert.
Wie wohltuend es für Menschen in Beziehung ist, wirklich gehört und verstanden zu werden, zeigt Psychotherapeutin Katharina Henz in ihrem Buch „Validieren: Wie echtes Erkennen und Anerkennen Beziehungen transformiert und uns neu verbindet“. Mit vielen Beispielen und Impulsen zeigt sie, wie diese Form der Anerkennung Nähe schafft, Vertrauen stärkt und Paare durch schwierige Phasen trägt. Vandenhoeck & Ruprecht, 30 €
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