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07/29/2020

Tourismustrends: Wie sich der Urlaub verändert hat

Der Urlaubsforscher Peter Zellmann über unsere Sehnsüchte, moderne Sommerfrische und eine Anmerkung des Bundespräsidenten.

von Uwe Mauch

Den einen mehrwöchigen Sommerurlaub gibt es kaum noch, betont der bekannte Freizeit- und Tourismusforscher Peter Zellmann im Gespräch mit dem KURIER. Auch mit der alten Entweder-oder-Einteilung (hier die Bergwanderer, dort die Wasserratten) kommt man heute nicht mehr weit: „In den 1970er-Jahren waren noch drei Viertel der Österreicher entweder dem Berg oder dem Wasser zuzuordnen. Heute gilt das nur mehr für ein Drittel.“

Der Tourist von heute ist wählerischer und flexibler als die ehemaligen Sommerfrischler: „Die Leute machen kürzer Urlaub, dabei wechseln sie bei jeder Reise in unterschiedlichen Personenkonstellationen ihre Urlauberidentität.“ Die alten Widersprüche verschwinden somit, die Sehnsüchte verändern sich, neue Nischenangebote entstehen.

KURIER: Welche Sehnsüchte werden eigentlich mit einem Urlaub in den Bergen heute noch verbunden?

Peter Zellmann: Für die meisten ist der Berg die komplementäre Welt zu ihrer rationalen, durchorganisierten Arbeitswelt. Als Sportplatz hat er zum Teil die Spielfelder der organisierten Vereine ersetzt. Er ist auch Erlebnisort, bietet Raum für Naturorientierung und Ökologisierung.

Und was bietet uns ein Urlaub am Wasser?

Im Grunde genommen wirken am Meer oder an einem See genau dieselben Sehnsüchte wie im alpinen Bereich. Vielleicht mit dem einzigen Unterschied, dass uns Menschen das Wasser aufgrund unserer Evolutionsgeschichte näher ist als die Berge. Die Ersten in Österreich, die das erkannt haben, waren übrigens Tiroler Touristiker im Pitz-, Ötz- und Zillertal. Sie haben ihre Badeseen schon früh als eine zusätzliche Urlaubsattraktion angeboten.

Kommen die Sehnsüchte nach Berg und Wasser aus unserer Kindheit?

Ja. Vor allem die Prägung in den ersten drei Lebensjahren ist sehr stark. Gut möglich, dass jemand nach der natürlichen Ablehnung in der Pubertät zu den vertrauten Urlaubsorten seiner Kindheit zurückkehrt. Allerdings anders als seine Eltern.

Inwiefern?

Dass junge Menschen jedes Jahr für drei Wochen auf denselben Campingplatz oder ins selbe Hotel fahren, ist unwahrscheinlich. Sie haben heute viel mehr Informationen als ihre Eltern und Großeltern, können zwischen unzähligen Angeboten auswählen. Sie sind mündiger geworden. Ich bewerte das grundsätzlich als einen Fortschritt, auch wenn das die Arbeit für Tourismusbetriebe deutlich komplizierter macht.

Wie kam es dazu?

Das ist eine Entwicklung, die uns vom reinen Versorgungs- zum Erlebniskonsum geführt hat. Anfangs wollten beispielsweise die Sommerfrischler in den Bergen nur spazieren gehen, dann kam das Wandern und Bergwandern hinzu. Heute wollen Urlauber als Folge der Konsumorientierung auch mountainbiken, klettern, paragliden, und das alles möglichst in einer einzigen Urlaubswoche.

Wann wurden unsere Sehnsüchte erstmals geweckt?

Für die Mehrheit der Menschen in den klassischen westlichen Industrienationen war das in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg, als parallel zum Aufschwung der Wirtschaft auch das Bedürfnis nach neuen, anderen Erlebnissen anstieg.

Auf was müssen jene, die Sehnsüchte anpreisen, heute achten?

Nach dem Weg über den Massentourismus zum Overtourism ist heute zu sehen, dass die alten Werbebotschaften nicht mehr beim Publikum ankommen. Wer nur mit seiner schönen Bergwelt oder der Natur rund um den See wirbt, wird es in Zukunft einfach nicht mehr schaffen, ausreichend Gäste für sein Angebot zu begeistern.

Hat Bundespräsident Alexander Van der Bellen recht, wenn er anmerkt, dass sich Menschen für ihre Sehnsucht nach dem Meer nicht schämen müssen?

Selbstverständlich hat er recht. Es wird in der politischen Debatte um die Öffnung der Grenzen im Zuge der Corona-Krise auf eines komplett vergessen: Urlaub ist für uns Menschen gleich nach Weihnachten die emotionalste Zeit im Jahr. Da kann man nicht nur rational-technokratisch argumentieren, da benötigt man in der selbstverständlich gebotenen strengen Analyse auch das notwendige Einfühlungsvermögen. Auch ist unterhalb der Panikmache, eine emotionale Etage tiefer, noch genügend Handlungsspielraum.