Katja Berlin (41) und Anika Decker (45) durchforsteten ihre Chat-Archive – und entdeckten auch eigene Kommunikationsfehler 

© Edith Held

freizeit Leben, Liebe & Sex
06/04/2021

Text-Nachrichten von Männern: "Der Zwinkersmiley mit Zunge geht gar nicht"

Zwei Autorinnen haben „Nachrichten von Männern“ – so heißt ihr Buch – seziert. Fazit: Den einen Texter gibt es nicht. Warum wir SMS & Co. nicht überinterpretieren sollten.

von Julia Pfligl

Frauen kommen von der Venus, Männer von Mars. Launige Geschlechterklischees wie dieses gelten längst als antiquiert. Dessen sind sich Katja Berlin und Anika Decker bewusst, und so ist ihr Buch keinesfalls gemeint. „Wir wollten anregen, das Thema digitale Kommunikation mit Humor zu nehmen. Vieles davon haben wir selber erlebt.“

Die Idee zu einem ironischen Buch über Männer und ihre Chat-Nachrichten entstand während einer Taxifahrt durch Berlin. „Ich habe mich wahnsinnig über die Nachricht eines Mannes geärgert. Anika meinte, solche hat sie schon hundertfach bekommen“, erzählt Berlin, die als freie Kolumnistin arbeitet.

Die Freundinnen lachten – Nachrichten von Männern, das klang plötzlich wie ein eigenes Literaturgenre. Nach Gesprächen mit anderen Frauen und dem Lesen vieler Chats und eMails kristallisierten sich 37 Subtypen heraus, die die Autorinnen in „Nachrichten von Männern“ charakterisieren (siehe unten). „Wir schreiben nicht über die Männer an sich, sondern über ihre Kommunikation – und wie wir Frauen damit umgehen können.“

Acht Nachrichten-Typen, die Ihnen vielleicht bekannt vorkommen: 

  • Der Emojimann  Chatverläufe mit ihm ähneln einem Stickeralbum. Er umgarnt nicht mit Worten, sondern mit Zwinkersmileys – was die Deutung oft noch schwieriger macht.
  • Die Herrklärung Männer, die einem per SMS die Welt erklären. Ihr Lieblingsmedium sind jedoch die „Drunterkommentare“ bei Social-Media-Postings.Der eklige Sexter Übt sich in Wollust, hat aber den Ton nicht ganz im Griff. Beispiel: „Du bist so heiß, von der Seite siehst du aus wie meine Schwester.“ 
  • Der Dickpicer Ähnliche Kategorie. Verschickt gerne unvorteilhafte Aufnahmen seines erigierten Geschlechtsteils („Dick Pic“), manchmal sogar ungefragt.
  • Der Einsilbige Sie: „Ich habe mir überlegt, wie es mit uns weitergehen könnte ... Würde mich interessieren, wie es mit deinen Gefühlen aussieht ...“ Er: *Daumen-hoch-Emoji*. (Verwandt mit dem „Liker“.)
  • Der Zombie Längst Verflossener, der einmal im Jahr anklopft: „Hey, na?“
  • Nachrichtenromantik Er liebt blumige Worte und Träume von der gemeinsamen Zukunft. Aber Vorsicht: Die Scheinintimität beim Texten entpuppt sich beim realen Treffen oft als Enttäuschung.  
  • Der Bencher Er antwortet zu spät, verschiebt jedes Treffen, lässt aber doch nicht los – dieses Verhalten nennt sich Benching, vom englischen Wort Bench (Bank): auf die Wartebank schieben. Weitverbreitetes Online-Dating-Phänomen.

Chat-Nachrichten von Männern sind nicht nur im heimischen Polit-Kontext relevant. Getextet wird heute immer und überall, im Job, mit Freunden, auf Tinder. Dort kann schon das erste „Hey!“ entscheidend sein, daher suchen viele Männer inzwischen Rat bei Flirt-Coaches und in Online-Kursen. Berlin sagt, sie sei tolerant geworden. „Nur der Zwinkersmiley mit Zunge geht für mich gar nicht.“ Emojis und Männer sind ein eigenes Kapitel, auch im Buch. Laut einer Schweizer Studie verwenden Männer die bunten Icons deutlich häufiger als Frauen.

Was unterscheidet Nachrichten mit männlichem von solchen mit weiblichem Absender? „Frauen schreiben indirekter. Sie sagen tendenziell nicht ,Ich habe Hunger’, sondern ,Hast du Hunger’? So entstehen Missverständnisse.“

Machtdemonstration

Berlin und Decker, Drehbuchautorin von „Keinohrhasen“, stöberten im Zuge der Recherchen auch in ihren privaten Chat-Archiven und stießen dabei auf eigene Fehler. „Zum Beispiel waren wir oft gar nicht so direkt, wie wir beim Schreiben dachten.“

Im beruflichen Kontext seien Mails von Vorgesetzten häufig eine Machtdemonstration, was die beiden „Kleinmacher“ nennen. „Chefs begegnen ihren Mitarbeiterinnen oft nicht auf Augenhöhe.“ Und auch der Ghosting-Typ sei mit seinen langsam abebbenden Nachrichten in freier Wildbahn häufig anzutreffen.

Wie meint er das?

Vieles sei aber keine Gender-, sondern eine Typfrage, betont Berlin. Nur weil „Der Einsilbige“ häufiger bei Männern anzutreffen ist, heißt das nicht, dass es ihn nicht auch bei Frauen gibt. „Stereotype entstehen auch dadurch, dass Männer und Frauen unterschiedlich bewertet werden.“

Apropos bewertet. Das Gespräch „Wie meint er das bloß?“ samt Analyse von Chat-Verläufen hat wohl fast jede Frau schon einmal mit einer Freundin geführt. Auch im Netz und in Frauenmagazinen finden sich unzählige Artikel à la „So entschlüsseln Sie seine Nachrichten“. (Übrigens auch umgekehrt.)

Schreiben wir aneinander vorbei? „Beim Texten wissen wir nicht, in welchem Zustand die Person geschrieben hat, es fehlen Gestik und Mimik. Den fehlenden Kontext füllen wir mit Interpretationen und liegen dann oft total daneben“, analysiert Berlin.

Statt sich zu ärgern, sollte man kryptische Nachrichten erstmal mit Humor nehmen und nicht überinterpretieren. „Das ewige Texten hat viele Nachteile. Besser ist, einfach mal zum Hörer zu greifen.“

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