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freizeit Leben, Liebe & Sex
03/03/2021

Psychologen wissen, wer besser durch die Pandemie kommt

Introvertierte Menschen erleben die Krise als weniger stressig. Schlägt gerade die Stunde der Stillen?

von Susanne Mauthner-Weber

Was passiert, wenn stille Menschen sich wohlfühlen und logischerweise kein Bedürfnis haben, sich diesbezüglich Gehör zu verschaffen? Richtig! Nichts! Kein Tamtam, kein Trommelwirbel, keine Breaking News. Allzuleicht könnte man die gute Nachricht übersehen: Introvertierte kommen besser durch die Pandemie, diagnostizierte der Psychologe Hannes Zacher dieser Tage.

An all die Extrovertierten und Lauten: Nein, das ist kein Minderheitenprogramm, das nur eine kleine Gruppe betrifft – etwa die Hälfte der Menschheit gehört zu den eher Introvertierten. „In normalen Zeiten sind die Extrovertierten weniger gestresst und haben unter Nicht-Pandemie-Bedingungen höheres Wohlbefinden“, sagt Zacher.

Und auch die Harvard-Absolventin Susan Cain, die sieben Jahre für ihr Buch Still recherchiert hat, bestätigt: „Unsere ganze Welt ist für Extrovertierte designt.“

Zacher weiter: „Jetzt hat sich das, was wir sonst beobachten, aber umgedreht: Die Pandemie bietet für introvertierte Menschen optimale Bedingungen, so tragisch das klingt. Sie haben ein weniger starkes Bedürfnis nach sozialen Kontakten, nach langen Gesprächen, nach sozialer Aktivität: Unter Lockdown-Bedingungen müssen sie sich nicht groß verbiegen. Sie sind für sich, dürfen zu Hause ein Buch lesen und müssen sich nicht rechtfertigen, warum sie nicht auf eine Feier gehen wollen.“

Die Aussagen des Arbeitspsychologen von der Universität Leipzig fußen auf einer Untersuchung, die seit gut einem Jahr läuft:

  • 50 Prozent der Menschen in den USA gehören laut Schätzungen zu den Introvertierten. Da es als eines der extrovertiertesten Länder weltweit gilt, ist dieser Prozentsatz in vielen anderen Teilen der Erde wohl mindestens genauso hoch..
  • Prominente Introvertierte waren Charles Darwin, Albert Einstein, Frédéric Chopin, Vincent van Gogh, Mahatma Gandhi. Auch  Steve Wozniak, Bill Gates und Elfriede Jelinek gehören dazu.
  • Die Forschung weiß heute, dass die angeblich antisozialen Introvertierten engen Freunden und der Familie mehr Zeit widmen als Extrovertierte. Sie gehen seltener fremd und lassen sich seltener scheiden 

Ab Dezember 2019 untersuchte er die Zusammenhänge zwischen Arbeit und Gesundheit, die durchaus auf Österreich übertragbar seien. 2.000 Erwerbstätige zwischen 16 und 80 Jahren bekamen einen Online-Fragebogen, in dem zuerst die Big Five abgefragt wurden. In der Persönlichkeitsforschung werden so die fünf wichtigsten Merkmale erfasst: Offenheit gehört dazu, Gewissenhaftigkeit, soziale Verträglichkeit, Verletzlichkeit – und auch die Frage, ob ein Mensch eher extrovertiert oder introvertiert ist. Extroversion und Introversion kann man sich dabei als die beiden Enden einer Skala vorstellen.

Reize von Außen

Je weiter ein Mensch auf dieser Geselligkeitsskala zu Extroversion neigt, desto mehr fokussiert er sich auf Reize von außen. Menschen, Trubel, Partys, große Gruppen. Für Introvertierte dagegen ist es wahrlich nicht das Schlimmste, allein zu Hause zu sitzen.

Im März 2020 hat Zachers Team die Studie angepasst, man begann, die Teilnehmer monatlich zu befragen, wie sie Corona erleben. „Wir haben beobachtet, wie sich das Wohlbefinden über die Zeit veränderte. Für Extrovertierte bedeutet der Lockdown eine große Umstellung, weil sie ihr Bedürfnis nach sozialen Kontakt nicht befriedigen können. Unter Nicht-Pandemie-Bedingungen würde man zu den Introvertierten sagen: ,Mensch, geh doch mal raus, unter Leute.‘ Vielleicht sollte man jetzt die Extrovertierten unterstützen und ihnen sagen: ,Vielleicht versuchst du, dein Bedürfnis nach sozialen Kontakten virtuell zu befriedigen.‘“

Andere Meinungen

Andere Wissenschafter haben sich allerdings gefragt, ob die These vom Vorteil der Introvertierten nicht zu kurz greife. Die australische Psychologin Maryann Wei etwa hat dazu 114 Personen befragt – Amerikaner, Engländer, Kanadier, Australier und Deutsche – und kam zu einem anderen Ergebnis: Entgegen populärer Annahmen hätten Introvertierte psychisch mehr gelitten als Extrovertierte.

„Ich glaube, dass man das differenziert betrachten muss“, sagt Beate Schrank, Psychiaterin an der Karl Landsteiner Privatuniversität für Gesundheitswissenschaften. „Im ersten Lockdown habe ich viel und oft gehört: ,Oh, wie gut! Jetzt brauche ich nicht raus.‘ Das kam vor allem von Leuten mit sozialen Ängsten.“ Mittlerweile hat Schrank aber den Eindruck, dass es mit der Dauer der Isolation für alle schwieriger wird, denn auch Introvertierte haben das Bedürfnis eine Beziehung zu führen, Partner und Freunde zu haben, bei denen sie sich sicher fühlen. Gerade für die, die sich schwertun mit dem Kontakte knüpfen, sei die Situation doppelt brisant.

Introvertierte können meist auch schlechter mit dem Verlust von Strukturen umgehen. Sie neigen ohnehin mehr zum Grübeln, während Extrovertierte optimistischer sind. Darum raten Psychologen, die Introvertierten hin und wieder danach zu fragen, wie es ihnen geht. Die Extrovertierten rücken ohnedies ungefragt damit heraus.

Wertewandel

Zacher jedenfalls hält es durchaus für möglich, dass sich in der gesellschaftlichen Wertschätzung mit Fortdauer der Pandemie noch einiges tun könnte: „In Führungspositionen sind normalerweise die extrovertierten Macher gefragt, aber wir wissen aus der Forschung, dass es eigentlich von Vorteil ist, wenn Chefs gut zuhören können und einfühlsam sind. Ich kann mir also vorstellen, dass vermehrt Introvertierte Chefpositionen erobern.“

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